ICH – EIN GROUPIE

Ich – Ein Groupie
Ich- EIn Groupie | Deutschland | 1970
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Vicky (Ingrid Steeger) ist ein junges Mädchen aus London, das sich bei einem Konzert unsterblich in Stewart (Stewart West), den Sänger einer Rockband, verliebt. Nach einer stürmischen Nacht ist dieser Musiker jedoch verschwunden. Mit ihrer Freundin Vivian (Vivian Weiss) macht sich Vicky auf den Weg nach Berlin, um Stewart dort wiederzufinden.

Als sich den Markt für (meist in Fernost angesiedelte) Abenteuerfilme langsam verkleinerte, musste zu Beginn der 70er Jahre eine neue Idee her, mit der der deutsche Produzent Erwin C. Dietrich Geld verdienen konnte. Da die sexuellen Grenzen mehr und mehr fielen, war dann auch schnell klar, welchem Thema sich Dietrich mit seiner Produktionsgesellschaft Urania-Film widmen würde. Unterstützung fand er dabei in Form des US-amerikanischen B-Moguls Roger Corman, der sich mit Dietrich zusammentat, um den Streifen ICH – EIN GROUPIE auf den Weg zu bringen.
So war es dann auch Corman, der als Regisseur Jack Hill anheuerte. Hill hatte bereits bei den klassischen Corman-Horror-Schinken THE TERROR – SCHLOSS DES SCHRECKENS (1963) und DEMENTIA 13 (1963) mitgewirkt und sollte seinen Karrierehöhepunkt als Regisseur von COFFY – DIE RAUBKATZE (1973) und FOXY BROWN (1974) auf dem Zenit der Blaxploitationwelle erfahren. Sei Mitwirken bei dieser Produktion sollte allerdings unter keinem guten Stern stehen. So musste der Produzent Erwin C. Dietrich nach einer Woche Dreharbeit feststellen, dass Hill mit den Aufnahmen anscheinend überhaupt nicht voran kam, das Team in Zürich also untätig wartete. Eine Erklärung dafür gibt es bis heute nicht, Dietrich vermutet in einem Interview mit der Splatting Image, dass Hill wohl Drogen konsumiert habe. So oder so führte das schließlich dazu, dass man Hill nach Hause schickte und Dietrich selbst die Regiearbeiten übernahm.

Vivian: Du, der guckt dauernd zu uns rein …
Vicky: Mach ihn doch scharf. Wer weiß, vielleicht lädt er uns in den Speisewagen ein?!

Eine weitere beachtenswerte Personalie ist die erste Hauptrolle von Ingrid Steeger. Dietrich hatte sie besetzt, weil er ihre Freizügigkeit und ihren lockeren Umgang sehr schätzte. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten waren natürlich kaum erwähnenswert, aber das spielt bei einem Film diesen Metiers auch gar keine Rolle. Steegers unverbindliche Art, allerlei Sex- und Drogenszenen vor der Kamera darzustellen, machte sie zum idealen Zugpferd für diesen Film. Denn 1970 herrschte in Deutschland noch das Pornographieverbot, sodass die aus heutiger Sicht charmant unglaubwürdigen Sexszenen damals durchaus dazu befähigt waren, den Betrachter zu empören.
Folglich setzt sich der Streifen auch fast zur Gänze aus derlei Darbietungen zusammen. Ständig werfen alle Beteiligten sämtliche Kleidungsstücke von sich, um dann nackt vor dem Kamera umherzustolzieren. Der Beischlaf wird dabei stets sehr reduziert und überzeichnet eingefangen. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um die ersten Gehversuche in Sachen Darstellung von Sexualität im Kino handelt, ist das allerdings mehr als unterhaltsam.

Der Teil des Films, der nicht mit nackten Tatsachen zu überzeugen versucht, widmet sich dann voll und ganz dem wilden Leben, das einem die Rockmusik verspricht. Ein regelloses Dasein voller Drogenkonsum wird präsentiert, welches ein ums andere Mal die Klischeevorstellungen des Etablissements reproduziert. Egal ob Hasch, LSD oder Heroin, sämtlich Drogen dienen anscheinend nur den Steigerung der sexuellen Lust, andere Wirkungen scheinen irrelevant oder nicht vorhanden. Diese Reduktion wird zum Finale hin zwar ein wenig revidiert, bleibt aber auch während des dilettantischen Versuchs, dem Film eine moralische Quintessenz zu verpassen, stets im Vordergrund.

Vicky: Sag mal, kennst du die eigentlich näher?
Mädel: Bis auf Bernd hab‘ ich sie schon alle durch.
Vicky: Na, und?
Mädel: Jeder ist anders, an Einzelheit kann ich mich natürlich nicht erinnern …

Ein erwähnenswerter Aspekt sind des Weiteren die auftauchenden Hell’s Angels, die ca. 20 Minuten lang ihren Teil zur allgemeinen Atmosphäre des Films beitragen dürfen. Hier scheint es wahrscheinlich, dass Cormans Portfolio Einfluss auf das Script genommen hat, hatte dieser doch mit Filmen wie DIE WILDEN ENGEL (1966) oder dem Schmuddel-Rocker-Werk NACKT AUF HARTEM SATTEL (1969) einiges an Erfolg verbuchen können. Letztlich machen die Rocker (die natürlich aus dem örtlichen Rockerclub rekrutiert wurden) aber auch hier das was sie immer machen: sie fahren mit nackten Mädels auf ihren heißen Öfen umher und tragen Hakenkreuzarmbinden.
Unterhaltsam ist der Streifen letztlich nur wegen seiner charmant unkomplizierten Darstellung des vermeintlichen Groupielebens. Denn wenn die Steeger nackt und im Drogenrausch durch Europa zieht, dann können auch die über weite Strecken dilettantischste Machart des Films oder die fast schon lächerlich großen Handlungslücken (die in Teilen sicherlich auch auf die diversen, heute kaum noch nachvollziehbaren, Kürzungen zurückzuführen sind) nichts daran ändern, dass der Streifen einfach gut unterhält. Und seine – auch inszenatorisch – größte Szene hebt sich das Werk ohnehin bis zum Schluss auf, wenn die gute Ingrid schließlich durch die Drogen vollkommen enthemmt splitternackt durch Berlin stürmt, um dann vor einem Wagen den Tod zu finden.

Unverbindliche Schmuddel-Unterhaltung voller Sex, Drogen und Rock ‘n‘ Roll. Dazu Steegers Debut, was will man mehr?!

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4 Antworten zu “ICH – EIN GROUPIE

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