SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN

Schwarze Messe der Dämonen
L’Anticristo | Italien | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die gelähmte Ippolita (Carla Gravina) fristet ein trauriges Dasein, während ihr Vater Massimo (Mel Ferrer) sich mit der Amerikanerin Greta (Anita Strindberg) vergnügt. Doch eines Tages kann Ippolita plötzlich wieder laufen. Was zunächst Freude hervorruft entpuppt sich in der Folge schnell als Symptom dafür, dass Ippolita vom Teufel besessen ist.

Als William Friedkins 1973 seinen Okkult-Klassiker DER EXORZIST veröffentlichte, sorgt das bekanntlich für einen großen Aufschrei auf Seiten der Medien und vor allem der Kirche. Die expliziten Darstellungen von Besessenheit und die weitgehende Hilflosigkeit der Vertreter Gottes war vielen ein Dorn im Auge und machte den Film – zusammen mit seinen teils sehr expliziten Effekten – zu einem Skandalfilm par Excellence. Da ist es schon fast ein Naturgesetz, dass man derartiges in Italien interessiert zur Kenntnis nimmt und umgehend damit beginnt, entsprechende Plagiate anzufertigen. Und da es in diesem Fall neben dem rein monetären sogar noch den skandalträchtigen Aspekt gab, der Beachtung versprach, ging man im Lande der Rip-Offs gleich doppelt so engagiert ans Werk. Neben einer kurzen, aber heftigen Flut an billigen Nachahmern schickte sich dann der Produzent Edmondo Amati – der ebenfalls im Jahre 1974 den äußerst gelungenen Zombie-Streifen DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN veröffentlichen sollte – an, eine Interpretation des Stoffes zu produzieren, die das Sujet geschickt in das italienisch Genrekino überführte.

Ippolita: Wie viele Schwänze hast du schon drin gehabt, häh? Sag’s doch, wie viele waren‘s? Hundert?

Mit der Umsetzung wurde dabei Alberto De Martino beauftragt, der sich seit Anfang der 60er Jahre durch fast alle Filmgenres gearbeitet hatte. Nach eigener Aussage war es De Martino dabei durchaus recht, erfolgreiche Filme nachzuahmen, was ihn für dieses Projekt geradezu prädestinierte. So schrieb De Martino (wie bei fast allen seiner Filme) das Drehbuch dann auch weitestgehend selbst. Unterstützt wurde er dabei von Vincenzo Mannino und Gianfranco Clerici, die beide noch am Anfang ihrer Karriere standen, sich aber im Laufe der Jahre zu festen Konstanten der italienischen Autorenriege mausern sollten.
Das Script hat dann vor allem die wohltuende Angewohnheit, die Geschehnisse weniger aus Sicht der Kirche zu zeigen, als das große Vorbild. Während sich DER EXORZIST stark auf das Innenleben von Pater Karras konzentriert, lässt sich De Martinos Film die Freiheit, sich voll und ganz auf die Besessene zu konzentrieren. Dazu macht Martino aus dem kleinen Mädchen (das zweifelsohne seine ganz eigenen filmischen Möglichkeiten bietet) eine erwachsene Frau. So schafft er die Möglichkeit, deutlich mehr mit Sexualität und weiblichen Reizen zu spielen, als das Friedkin möglich war. Wie erwähnt sicherlich ein zweischneidiges Schwert, da die Eröffnung dieser Option natürlich andere wieder verwehrt.

Die stärkere Fixierung auf die besessene Hauptfigur füllt der Film dann mit einer Unzahl skurriler Effekte. Fast im Minutentakt lässt Ippolita ihre Kräfte wirken, ständig passiert irgendetwas Skurriles oder Ekliges. Das wird vor allem den Freund von B-Absurditäten begeistern, denn die charmant dilettantische Umsetzung der meisten Trickeffekte sorgt oftmals für ein wohliges Grinsen. Dabei dürften natürlich auf klare Verweise auf das Vorbild nicht fehlen, weshalb sich Ippolita dann natürlich auch allerlei Gegenstände einführt und liebend gern grüne Flüssigkeiten umherspuckt.

Massimo: Sie haben den Exorzismus bewilligt. Er wird von einem österreichischen Mönch durchgeführt werden, einem gewissen Pater Mittner. Sie konnten ihn bis jetzt nicht erreichen, er ist ein Bettelmönch und dauernd unterwegs. Bis morgen hoffen Sie ihn zu finden.

Ganz im Gegensatz zu diesen expliziten, oftmals überzeichneten Effekten steht dabei die übrige Ausstattung des Films. Während DER EXORZIST sich im amerikanischen Mittelstand bewegt, findet die SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN in einem europäischen Barock-Inferno statt. Nicht nur einmal fühlt man sich ob der prunkvollen Ausstattung der Spielorte an die Filme Mario Bavas erinnert. So ist schon der erste Gang, den man vom Hause der Familie Oderisi zu Gesicht bekommt, gespickt mit Dutzenden Büsten, die in die Wände eingelassen sind. Dieser Ausstattungs-Overkill setzt sich im Film dann fort und sorgt dafür, dass fast jede Einstellung zu einem Hochgenuss wird. Eingefangen wurden diese tollen Kulissen übrigens von keinem Geringeren als Trash-Fachmann Joe D’Amato, der hier noch eindrucksvoll beweist, dass die teilweise vorhandene Grobschlächtigkeit seiner späteren – stets auf Profit bedachten – Werke keineswegs auf mangelnde Fähigkeiten zurückzuführen ist.
Und während sich der Film dann von einer Skurrilität zur nächsten bewegt, wird der Zuschauer mehr und mehr von den atonalen Klängen Ennio Morricones bedrängt. Kaum ein Ton passt zum anderen, ständig überschlagen sich die Instrumente. Analog zum Bildgeschehen läuft folglich auch der Ton vollkommen aus dem Ruder, wenn der Teufel sich zu erkennen gibt. Was sicherlich nichts für Jedermann ist, funktioniert im Gesamtwerk durchaus gut und schafft immer wieder äußerst unangenehm zu betrachtende Momente.

Gleiches vermag auch Clara Gravina, die mit ihrer Darstellung der Ippolita durchweg zu gefallen weiß. Vor allem die zunehmende sexuelle Konnotation ihrer Darbietung fällt angenehm auf und macht aus der Rolle eine Art dem Teufel angehörige Femme Fatale. Altstar Mel Ferrer gibt daneben eine solide Leistung ab, die jedoch nicht wirklich heraussticht. In kleineren Rollen gibt es dann noch den US-Amerikaner Arthur Kennedy oder die mittlerweile in ihren Fünfzigern angekommene Alida Valli, die bereits 1949 in Carol Reeds DER DRITTE MANN begeisterte.

Ippolita: Armseliger Schwindler, du wagst es, mir unter die Augen zu treten? Weiß du nicht, dass du deinen Herrn und Meister vor dir hast? Der dir erlaubt hat, deine Pülverchen aus Rattenblut und Knochen zu machen! Dem du es verdankst, dass du von deinen jämmerlichen Taschenspielereien leben kannst!

Im Zentrum des Films stehen aber ganz ohne Zweifel seine skurrilen – und stellenweise auch brutalen – optischen Darbietungen der Besessenheit, die zusammen mit der barocken Umgebung immer wieder dafür sorgen, dass man sich innerhalb des Horrorgenres um ein paar Jahrzehnte zurückversetzt fühlt. Diese angenehme Schaueratmosphäre wird dann wieder von phantastischen Ausflügen konterkariert, von denen der Auftritt der Teufel in persona sicherlich den (optischen) Höhepunkt darstellt.
Letztlich schafft es der Film so, die typischen Merkmale eines Plagiats zwar allesamt aufzuweisen, diese allerdings so anzupassen, dass er auch für sich genommen wunderbar funktioniert. Ob einem das letztlich besser gefällt als die Vorlage ist sicherlich Geschmackssache, dass De Martinos Film aber eine durchdachte und letztlich eigenständige Interpretation des Stoffes darstellt, steht außer Frage.

Was zunächst wie ein Plagiat klingen mag, stellt sich letztlich als sehr eigenständige und einfallsreiche Interpretation heraus. Deutlich expliziter und direkter als das Vorbild, weiß De Martinos Werk vor allem (aber nicht nur) aufgrund seiner optischen Qualitäten zu überzeugen.

2 Antworten zu “SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN

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