MANDINGO

Mandingo
Mandingo | USA | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Hammond Maxwell (Perry King) lebt mit seinem Vater Warren (James Mason) auf der Falconhurst Plantage in den amerikanischen Südstaaten. Die beiden haben eine Menge Sklaven, die ihnen neben der Arbeitskraft auch Liebesdienste erweisen. Des Weiteren trainieren sie den Mandingo-Kämpfer Mede (Ken Norton). Doch als Blanche (Susan George) in Hammonds Leben tritt, gerät die bis dahin dekadent ausschweifende Lebensweise der Plantagenbesitzer aus den Fugen.

Die Zeit der Sklaverei stellt ohne Frage eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte dar. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Zeit bis heute kaum Aufarbeitung in filmischer Form erfahren hat. Dabei ist es – wie die Beispiele Western und Vietnam-Action zeigen – doch ansonsten durchaus eine gesellschaftliche Funktion des US-amerikanischen Kinobetriebs, nationale Traumata zu verarbeiten; und mitunter auch umzudichten. Die Sklaventhematik hat eine solche Aufarbeitung jedoch kaum erfahren, sie stellt lediglich eine Randnotiz dar, die dann meist bagatellisiert oder romantisiert wird.
So brauchte es dann erst die Welle von – kalkulierten – Skandalfilmen der 70er Jahre (einer Zeit, in die amerikanischen Kinomacher, beeinflusst durch die Nachwehen des Vietnamkriegs, zu einem sehr viel raueren und provokanteren Kino tendierten), um dieses Sujet in Form einer großen Produktion auf die Leinwand zu bringen. Es taten sich Paramount Pictures und der italienische Produzent Dino De Laurentiis, dessen Nase für erfolgversprechende Filme bekanntlich nahezu unfehlbar war, zusammen, um dieses ambitionierte Projekt zu stemmen.
Das Script basiert dabei auf dem ersten Buch der Falconhurst-Reihe von Kyle Onstott, welches der Drehbuchautor Norman Wexler in eine spielfilmgerechte Form brachte. Wexler hat zuvor schon das Script zu Lumets SERPICO (1973) geschrieben und sollte 1977 mit dem Travolta-Klassiker NUR SAMSTAG NACHT (1977) richtig abräumen. Doch zuvor war es an ihm, das kontroverse und skandalträchtige Leben der amerikanischen Südstaatler so zu zeichnen, dass der verpflichtete Star-Regisseur Richard Fleischer, das Ganze ordentlich würde umsetzen können. Fleischers Mitwirken an einem derartigen Projekt mag auf den ersten Blick irritieren, doch bei genauerer Betrachtung seines äußerst facettenreichen Portfolios zeigt sich anhand von Filmen wie TORA! TORA! TORA! (1969) oder dem unsterblichen … JAHR 2022 … DIE ÜBERLEBEN WOLLEN (1973), dass er pessimistische Sujets und finstere Dramen mitnichten scheute.

Dirne: Einen wie dich darf ich mir nicht entgehen lassen.
Hammond: Schade, ich bin nicht ganz auf der Höhe, Lady …
Dirne: Macht nichts, das krieg‘ ich im Handumdrehen hin …

Und MANDINGO ist genau das: Eine unfassbare zynische und bittere Darstellung der dekadenten Ausschweifungen der amerikanischen Südstaaten. Schon die erste Unterhaltung einer Gruppe weißer Plantagenbesitzer zeigt die unglaubliche Ignoranz, mit der die weiße Minderheit den Sklaven begegnet. Jeder Menschlichkeit bar diskutieren die Herren darüber, wie der Bauch eines afro-amerikanischen Kindes angeblich Rheuma heilen kann. Eine skurrile Überhöhung, die kurz danach visualisiert wird und so jede Frage nach Verstand bei den Plantagenbesitzern schon früh und erschöpfend klärt. Die folgenden menschenverachtenden Redens- und Handlungsweisen, die schließlich in der Ermordung eines Neugeborenen gipfeln tragen diese Veranschaulichung der Entmenschlichung dann fort und sorgen dafür, dass der Film seinen Zuschauer in einer konstant ungemütlichen Atmosphäre festhält.

Das zweite große Thema des Films sind die sexuellen Ausschweifungen zwischen Plantagenbesitzern und Sklaven. Auch hier zeichnet der Film das Bild eines extremen Missverhältnis zwischen Wille und Zwang, welches immer wieder in indoktrinierten Selbsterniedrigungen mündet. Dabei bietet dieses Element aber auch die Basis für den zentralen Handlungsstrang des Films: Die geheime Leidenschaft des Plantagenbesitzers Hammond für eine afro-amerikanische Frau, die ihn dazu treibt, dass menschenverachtende System immer wieder zu unterlaufen. Doch der Film wäre kein gelungenes Drama, wenn Hammond auf diesem Wege sein Glück finden könnte. Zu sehr dominieren die Mechanismen der sklavenhaltenden Gesellschaft, zu sehr ist Hammond in seiner Rolle gefangen. Er kann folglich nicht mit seinem Rollenbild brechen, sondern verliert stattdessen alles. Dieses gelungene Drama füllt die grausamen Darstellungen mit Inhalt und enthebt den Film so des Vorwurfs, sich nur an Grausamkeiten zu berauschen.
Denn gerade Fleischers packender und pointierter Inszenierungsstil trägt maßgeblich dazu bei, dass der Streifen derart zynisch wirkt. Die Aufnahmen sind größtenteils ruhig und überblickend. Die Ruhe und Gelassenheit, mit der die Dekadenz regiert, findet sich immer wieder in den Formalia des Films wieder. Die Unaufgeregtheit der Bilder sorgt auch dafür, dass die sexuellen und gewalttätigen Übergriffe einer Normalität zugeführt werden, die zu übernehmen sich der Zuschauer zunehmend erwehren muss. Immer wieder ertappt sich der Betrachter sich dabei, die gesellschaftliche Ordnung mehr und mehr als gegeben zu akzeptieren.

Warren: Scheint gesund zu sein. Hat sich einer sein Gehänge mal angesehen?
Hammond: Oh ja, da fehlt’s an nichts. Der hat ein Ding, da kann man drei draus machen.

Auch die Besetzung trägt ihren Teil bei zu gelungen Gesamtbild. Perry King – der sieben Jahre später als verzweifelter Lehrer in DIE KLASSE VON 1984 (1982) brillieren sollte – zeigt einen tollen Hammond, der mit seiner Wut zunächst alleingelassen wird und sich dieser dann später einfach hingibt. Die zunächst noch vorhandenen Sympathien für die Rolle gehen zunehmend verloren, der Zuschauer stellt schnell fest, dass Ken Norton als Mandingo Mede diese eher verdient hat. Auch wenn Norton – seines Zeichens eigentlich Berufsboxer – etwas flach mimt, so ist er doch in der Folge Hauptziel der Empathie des Zuschauers. Ansonsten bleibt nur Richard Ward als Butler Agamemnon, dessen Wandel vom unterwürfigen Butler zum finalen Richter sich allerdings ein wenig zu sehr im Hintergrund vollzieht. Altstar James Mason, der schon 1954 für Richard Fleischer den Captain Nemo in 20000 MEILEN UNTER DEM MEER gemimt und ansonsten in unzähligen Hollywood-Klassiker mitgewirkt hatte, gibt ansonsten noch einen gelungenen Vater Warren, dessen Weltbild so verschoben ist, dass nichts und niemand dieses noch geraderücken kann. Auch ist er für eines der ikonischsten Bilder des Films verantwortlich, wenn er, auf seiner Terrasse sitzend, die Füße auf dem Bauch eines Kindes platziert, um sich seines Rheumatismus zu entledigen.

Die Damenwelt ist im Film ebenfalls gut vertreten und wird von der begnadet spielenden Susan George angeführt. Diese hatte schon vier Jahre zuvor in Peckinpahs WER GEWALT SÄT (1971) als innerlich zerrissene Amy gezeigt, was sie kann, und bieten nun als vermeintlich edle Dame Blanche eine ebenfalls beeindruckende Leistung. Ständig sieht man ihr das Unwohlsein an, doch ebenso oft kann man beobachten, wie sie sich in das System fügt und sich zunehmend darin wiederfindet. Aus dem zunächst glücklichen, ja gutgläubigen Mädchen wird – auch weil sich ihre dunkle Vergangenheit zunehmend aufdeckt – letztlich eine nihilistisch dunkle Rolle. Dem gegenüber steht Brenda Sykes, die als Hauptrolle im Blaxploitation-Kracher EIN FALL FÜR CLEOPATRA JONES (1973) zu Bekanntheit gelangte. Trotz ihrer geringen Screentime besticht Sykes als eine der wenigen gänzlich guten Rollen, die immer wieder den Anker in der Ansammlung aus Dekadenz und Perversion darstellt.

Warren: Ich erwarte, dass ihr die Sache sofort vollzieht. Die Tür wird abgeschlossen und ich lass euch nicht raus, bevor ihr nicht euer Vergnügen gehabt habt!

Trotz dieser tollen darstellerischen Leistungen, der gelungenen Drama-Inszenierung und nicht zuletzt dem großartigen Soundtrack von Maurice Jarres (der schon für LAWRENCE VON ARABIEN (1962) und DOKTOR SCHIWAGO (1965) komponierte), fiel der Film bei den Kritikern allerdings größtenteils durch. Zu gering war das Verständnis für die direkte Art, mit der der Film die Ereignisse darstellt. Oft lautete der Vorwurf, Fleischer würde die Grausamkeiten jener Zeit nutzen, um seinem Film niedere Schauwerte beizufügen. Das das falsch ist, wurde oben bereits belegt und muss mit etwas Abstand sogar als Verkehrung der Tatsachen angesehen werden. Denn eigentlich reagiert Fleischers Film nur auf den eklatanten Mangel an Auseinandersetzung mit dieser Epoche, indem er die Schrecken dieser Zeit gleich doppelt explizit benennt.
Immerhin wussten die Kinogänger das zu würdigen (oder waren schlicht an dem Skandal interessiert) und machten den Film zu einem finanziellen Erfolg. Der sorgte dann auch mit DIE SKLAVENHÖLLE DER MANDINGOS (1976) für einen Nachfolger, der dem Sujet jedoch nichts Neues mehr beifügen konnte. So bleibt MANDINGO einer der ganz wenig großen Filme, die sich dem Thema Sklavenhaltung in den Südstaaten annehmen. Und das alleine macht ihn schon zu einem unglaublich wichtigen Film. Dass er darüber hinaus noch ein packendes Drama darstellt, das mit tollen Mimen, gelungenen Kulissen und einem wirkungsvollen Soundtrack perfekt umgesetzt wurde, macht den Streifen zu einem wahren Klassiker; auch wenn er bis heute kaum die entsprechende Beachtung erfahren hat.

Beeindruckender Film, der genau das zeigt, wovor sich die US-amerikanische Filmindustrie lange gedrückt hat. Dafür erfuhr er dann auch die Schelte der Kritiker, was jedoch nur belegt, dass der Film den richtigen Nerv getroffen hat. Dieses Sujet in Verbindung mit einer klassischen Dramahandlung und tollen Darstellern macht den Film zu einem echten – wenn auch unangenehmen – Erlebnis.

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3 Antworten zu “MANDINGO

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