DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL

Der Mörder mit dem Seidenschal
Der Mörder mit dem Seidenschal | Deutschland/Italien | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die kleine Claudia (Susanne Uhlen) beobachtete den Mord an ihrer Mutter Prisca (Helga Liné). Folglich trachtet ihr der Mörder Boris (Carl Möhner) nach dem Leben. Nun ist es Polizeirat Moll (Folco Lulli), das Leben des Mädchens zu retten und den skrupellosen Mörder zu fassen.

Nach knapp 20 Jahren als Schauspieler auf der Theaterbühne und im Filmgeschäft, gründete der Österreicher Adrian Hoven 1965 zusammen mit Pier A. Caminneci das Filmstudio Aquila Film, um in der Folge auch mal hinter der Kamera tätig sein zu können. Und um mit seiner frisch aus der Taufe gehobenen Firma nicht gleich eine Bauchlandung hinzulegen, orientierte sich Hoven natürlich am aktuellen Marktgeschehen. Die EDGAR-WALLACE-Filme erfreuten sich auch Mitte der 60er noch ungebrochener Beliebtheit, sodass Hoven sich ebenfalls im Kriminal-Genre anzusiedeln gedachte.
Als Vorlage diente dabei Thea Tauentziens Krimi Der Mörder und das Kind, den Hoven – unterstützt durch Wolf Neumeister und Rolf Becker – in eine ordentliches, wenn auch überschaubares Filmscript verwandelte. Wirklich Überraschendes wird dabei jedoch nicht geboten, versierte Zuschauer des 60er-Jahre Krimis werden die meisten Elemente des Films wiedererkennen. Für die optisch durchaus gelungene Schlusssequenz bediente Hoven sich dann sogar bei Carol Reeds DER DRITTE MANN (1949), wenn er seinen Mörder durch die Kanalisation flüchten lässt.

Moll: Sie hätten Schulhausmeister werden sollen. Wenn’s da klingelt, bums, gehen alle nach Hause.
Fischer: Ja, und wenn‘s bei uns klingelt war’s Mord …

Einen deutlichen Unterschied zu den EDGAR-WALLACE-Filmen stellt allerdings die Lokationswahl dar. Anstatt Landhäuser im Umfeld Londons und alte Grotten sieht sich der Zuschauer in ein modernes Wien versetzt. Die Geschehnisse spielen in der Innenstadt, Verfolgungsjagden finden auf der Stadtautobahn statt, Cafes und Bars bilden die Hauptspielorte. Das gibt dem Film einen deutlich modernen Stil, als das bei der großen Inspiration der Fall ist. Im krassen Gegensatz dazu steht allerdings die 1966 doch etwas antiquiert anmutende Tatsache, dass der Film in schwarz-weiß gedreht wurde. Wenn man bedenkt, dass Gianfranco Parolini mit KOMMISSAR X – JAGD AUF UNBEKANNT (1965) bereits ein Jahr zuvor Agentenaction in feinster Eastmancolor präsentierte, dann wirkt DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL doch etwas altbacken.

Dafür füllt Hoven die schön gefilmten Kulissen aber mit einer tollen Darstellerschaft, die maßgeblich dazu beiträgt, dass der Film als solcher doch ziemlich gut funktioniert. Susanne Uhlen, die in der Folge zum weiblichen Aushängeschild des deutschen Krimis werden sollte, gibt hier ihr Debut als Zehnjährige; die allerdings außer zu schreien und wegzulaufen nicht viel tut. Schöner ist es da schon, Folco Lulli beim Ermitteln zuzusehen. Weit entfernt davon, ein perfekter Kommissar zu sein, wurschtelt sich Lulli – der im selben Jahr in Monicellis Kracher DIE UNGLAUBLICHEN ABENTEUER DES HOCHWOHLLÖBLICHEN RITTERS BRANCA LEONE (1966) seine komödiantischen Fähigkeit unter Beweis stellte – als Erwin Moll durch den Fall und wird dabei von Harald Junke flankiert, der hier den sprücheklopfenden Sidekick gibt. Die Seite der Gegenspieler ist mit Carl Möhner, der sich bereits in Dassins Caper-Klassiker RIFIFI (1955) bewiesen hatte, ebenfalls blendend besetzt, auch wenn Möhner hier nur selten die Möglichkeit erhält, sein ohne Zweifeln vorhandenes Potential voll auszuspielen. Und letztlich ließ Hoven es sich nicht nehmen, als der „sanfte“ Waldemar Fürst auch selber noch eine Rolle zu belegen.

Moll: Ich bin nicht vom Finanzamt, ich bin bloß von der Mordkommission …

Der Rest ist ein gelungen inszeniertes Stück Kriminalfilm, dass stellenweise seine technische Antiquiertheit auch formal untermalt. Vor allem die alarmähnlichen Töne, die dutzendfach die Begegnungen zwischen Mörder und Kind begleiten, wirken wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Eine Verfolgungsjagd mit modernen Sportwagen steht dann wieder im krassen Gegensatz dazu, was den Film letztlich ein wenig inkonsistent wirken lässt.
Für das damalige Publikum war der Film dann auch nur bedingt von Interesse, sodass sich Hovens Regiedebut finanziell nicht auszahlte. Um Derartiges in Zukunft zu vermeiden, wechselte Hoven in der Folge in den exploitativen Bereich und arbeitete in den nächsten Jahren unter anderem mit dem Spanier Jess Franco zusammen und produzierte 1969 mit Michael Armstrong den deutschen Hexen-Klassiker HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT.

Durchaus gangbarer Kriminal-Film dessen Inhalt und Form allerdings merkwürdig divergieren. Als flotter Streifen mit toller Besetzung allerdings jederzeit einen Blick wert.

Eine Antwort zu “DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL

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