HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS

Horror-Sex im Nachtexpress
La Ragazza del vagone letto | Italien | 1979
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Giulia (Silvia Dionisio) ist eine Prostituierte, die ihr Geld in einem Abteil eines Nachtzuges verdient. Eines Tages betreten die drei Unholde David (Werner Pochath), Elio (Carlo De Mejo) und Nico (Fausto Lombardi) den Zug und sorgen schnell für Unruhe unter den ohnehin sehr durchmischten Fahrgästen. Als dann noch die unbeteiligte Anna (Zora kerova) vergewaltigt wird, eskaliert die Situation.

Das Filmstudio Elios, am östlichen Rande Roms, erlebte seine größten Zeiten in den 60er und 70er Jahren, als die Italowestern-Klassiker DJANGO (1966) und ZWEI GLORREICHE HALUNKEN (1966) hier gedreht wurden. Doch wie es mit dem italienischen Film im Allgemeinen gen Ende der 70er Jahre immer weiter bergab ging, so wurde es auch für das Filmstudio immer schwerer, sich finanziell über Wasser zu halten. So wurden die Produktionen zunehmend mehr in den Bereich Horror und Exploitation gedrängt, in dem sich mit geringen Mitteln immer noch eine ordentliche Gewinnspanne erzielen ließ.
Da kam es dem Produzenten Marcello Todaro recht gelegen, dass auf dem Studioareal ein alter Bahnwaggon herumstand, der offenbar nur auf den Einsatz als kostengünstige Filmkulisse wartete. Erinnerungen an Aldo Lados NIGHT TRAIN – DER LETZTE ZUG IN DIE NACHT (1975) wurden wach und schnell rief Todaro bei Ferdinando Baldi an. Dessen Karriere befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem absteigenden Ast, sodass Baldi – der dem Italowestern so selbstreferenzielle Werke wie DJANGO, DER RÄCHER (1966) geschenkt hatte – kurzerhand zusagte. Ein Script war in Anbetracht des bereits vorhandenen Spielorts ebenfalls schnell geschrieben. Den Stift hielt dabei niemand anderes als George Eastman in der Hand, der – zu diesem Zeitpunkt schon eine feste Größe im italienischen Genrefilm – ein Jahr später als Hauptrolle in MAN-EATER (DER MENSCHENFRESSER) (1980) zu großer Bekanntheit gelangen sollte.

Freier: Du bist sehr hübsch. Nein, du bist schön …
Giulia: … und sehr teuer! Ich koste Hunderttausend!

Neben dem bereits erwähnten Werk von Lado zeigt das fertige Script dann auch deutliche Anleihen bei den US-amerikanischen Terror-Vorreitern DAS LETZTE HAUS LINKS (1972) und ICH SPUCK AUF DEIN GRAB (1978). Denn auch hier ist es ein der Gesellschaft enthobenes Trio von Jungspunden, das weder vor gewalttätigen, noch vor sexuellen Übergriffen zurückschreckt. Eine interessante Weiterentwicklung dieser Grundidee ist dann aber der Umstand, dass auch die bürgerliche Seite nicht allzu gut – wenn nicht gar schlechter – wegkommt. Fast jede Rolle hat hier ihre persönlichen Abgründe zu bieten, wahrlich unschuldig sind letztlich nur eine Prostituierte und ein Sträfling.

Das klingt nun alles recht gefällig, stellt sich in der Realität aber etwas durchwachsener dar. Und das liegt weniger an dem (im Genrevergleich) ordentlichen Script, als vielmehr an Baldis inspirationsloser Inszenierung. Motivations- und einfallslos hetzen die Protagonisten durch die einzelnen Abteile, ohne das jedoch wirkliche Spannung aufkommt. Viel zu viele der zahlreichen Sexszenen verkommen zum gefälligen Liebesspiel, viel zu selten entsteht wirklich eine bedrohliche Atmosphäre. Und wenn einzelne Gewalttaten dann doch endlich eine bedrohliche Stimmung etabliert haben, machen dramaturgische Missetaten diese schnell wieder zunichte. Warum das letztlich so ist, ist nur schwer zu erklären, diverse Vermutungen legen nahe, dass kaum einer der Beteiligten (Baldi inklusive) wirklich von diesem Film überzeugt war.

Vater: Schläft du nicht?
Elena: Ich kann nicht.
Vater: Das kommt davon, weil es hier drinnen zu heiß ist.
Elena: Ich schwitze wie ein Schwein!
Vater: Warum ziehst du dein Sachen nicht aus?

Dahingehend äußerten sich auch immer wieder Teile der Darstellerschaft, die ansonsten überraschend namhaft ausgefallen ist. Allen voran der Österreicher Werner Pochath bietet hier als manischer Oberfiesling eine wirklich sehenswerte Darbietung; ihm zur Seite steht dabei der charmant charismatische Carlo De Mejo, der ein Jahr später in Fulcis EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (1980) mitwirken sollte. Zora Kerova, die es ebenfalls ein Jahr später mit Lenzis DIE RACHE DER KANNIBALEN (1980) in den Dschungel verschlagen sollte, und Silvia Dionisio besetzen die weibliche Seite der Schauspielerschaft ebenfalls gefällig, sodass man den Mimen hier kaum einen Vorwurf machen kann.
Letztlich ist es wohl wirklich die Überzeugung fast aller Beteiligten, dass man hier lediglich einen billigen kleinen Cash-In dreht, die dafür sorgte, dass der Streifen lediglich eine Randnotiz des italienischen Kinos der späten 70er darstellt. Als solche stellt er – trotz immer wieder aufflackernder Sleaze-Qualitäten – folglich einen weiteren Beleg dafür dar, dass die großen Tage der römischen Filmemacherei zu dieser Zeit bereits gezählt waren, und man sich einem Jahrzehnt voller schnell produzierter, oftmals äußerst brutaler Filme, gegenübersah.

Billiger kleiner Sleazer, der letztlich daran scheitert, dass wohl keiner der Beteiligten wirkliches Interesse an diesem Filmprojekt hatte. Als kleiner Terror-Happen nichtsdestotrotz goutierbar.

2 Antworten zu “HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS

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