DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN

Das Leichenhaus der lebenden Toten
Non si deve profanare il sonno dei morti | Italien/Spanien | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Antiquitätenhändler George (Ray Lovelock) möchte aus dem Londoner Stadtleben ausbrechen und ein paar Tage auf dem Land verbringen. Unterwegs trifft er die unsichere Edna (Cristina Galbó), mit der er zusammen in ein kleines Städtchen reist. Vor Ort trifft er auf Bauern, die mit radioaktiver Technik Schädlinge bekämpfen wollen, aber stattdessen kürzlich verstorbene wieder zum Leben erwecken. George erkennt die Gefahr, aber keiner der traditionsbewussten Landbewohner ist geneigt, dem jungen Stadtburschen Gehör zu schenken.

1968 begründete George A. Romero mit DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN den modernen Zombiefilm. Und auch wenn die europäische Filmindustrie gute Ideen noch nicht mit jener Intensität weiterverarbeitete, die später prägend werden sollte, so war man guten Ideen gegenüber doch nicht abgeneigt. So fanden sich dann zwei Produzenten, der Italiener Edmondo Amati und der Spanier Manuel Pérez, die beide daran interessiert waren, aus dem von Romero begründeten Genre Kapital zu schlagen. Dabei hatten die beiden einen durchaus kostengünstigen Reißer vor Augen. Doch der von Ihnen beauftragte Regisseur, der Spanier Jorge Grau, der sich mit den Horror(-Dramen) COMTESSE DES GRAUENS (1973) und VIOLENT BLOOD BATH (1973) vollends von seinem vorherigen Dasein als Dokumentarfilmer emanzipiert hatte, wollte nicht einfach einen kleinen Zombie-Trasher drehen, sondern Romeros gesellschaftkritische Intention fortführen.
Das Drehbuch lieferten dann unter anderem Marcello Coscia, der schon die Bücher für Mario Bavas DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1960) und Pasquale Festa Campaniles im Originalton ebenfalls durchaus einfallsreichen ALS DIE FRAUEN NOCH SCHWÄNZE HATTEN (1970) geschrieben hatte, und Sandro Continenza, der bereits bei COMTESSE DES GRAUENS mit Grau zusammengearbeitet hatte und vier Jahre später mit dem Drehbuch zu Castellaris EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE (1978) sein Paradestück abliefern sollte. Und auch wenn das Script pro forma durchaus trashig klingen mag, so offenbart es doch im Verlaufe der Handlung immer mehr großartige Einfälle und hintergründige Gedanken.

George: Bitte langsam, langsam. Es ist sicher furchtbar einfach, aber können Sie es vielleicht nochmal sagen?
Bauer: Aha, Sie sind ein wenig schwerhörig, was? Naja, das wird an dieser Haarmähne liegen, die Sie über den Ohren haben …

Im Zentrum steht dabei der Generationenkonflikt zwischen dem alteingesessenen Inspektor und dem jungen aufrührerischen Städter. Dem fällt die eigentliche Klärung der Geschehnisse vollkommen zum Opfer, dem Inspektor ist nur daran gelegen, sein Feindbild zu bestätigen und George ins Gefängnis zu bringen. Stetige Beleidigungen und vor allem die stereotypen Vorurteile zeichnen ein treffendes Bild der britischen 70er. Hinzu kommt ein Statement in Sachen Naturschutz, bringt der widernatürliche und radioaktive Eingriff der Bauern doch erst das Problem auf den Plan. Diese und viele weitere kritische Themen und Sichtweisen stellen den Film klar in Romeros Tradition und machen die wandelnden Toten zu einer Aussage, anstatt nur zu einer mordenden Horde.

Aber auch ein gutes Script kann im Anbetracht von Mähdreschern, die mit atomaren Sensoren bestückt sind, in allzu alberne Gefilde abdriften. Doch hier steuert Grau gekonnt gegen und verpasst dem Film ein Inszenierung, die innerhalb dieses Genres ihres gleichen suchen dürfte. Mit einem sehr klaren, stellenweise fast dokumentarischen Stil präsentiert er die Geschehnisse, so dass zu keinem Zeitpunkt das Gefühl aufkommt, Grau sei nur auf den günstigen Schock aus. Ganz im Gegenteil: Selbst Szenen, in den die Untoten recht unerwartet erscheinen, bleiben stets ruhig und dokumentarisch.
Die gänzliche Abwesenheit von Musik (stattdessen gibt es nur diverse sphärische Klänge) tut ihr übriges und gibt dem Film einen sehr eigenen und spannenden Stil. Denn das Fehlen vordergründiger Schockmomente macht den Weg für einen omnipräsenten Horror frei, der von Grau geschickt auf konstant hohem Level gehalten wird. Dabei bedient sich der Spanier zunächst kaum seiner untoten Protagonisten, sondern nutzt die erste Hälfte des Films dazu, die Rollenkonstellation, die vornehmlich durch die Vorurteile gegeneinander konstituiert wird, auszuarbeiten, um dann das daraus entstehende Drama folgen zu lassen. Dabei bleibt der Film bis zum Finale konsequent und führt seine zuvor angeprangerten Themen so einem sinnvollen Schlusspunkt zu. Selten hat man in einem Zombiefilm einen derart kompletten und funktionierenden Spannungsbogen vorgefunden.

Der Inspektor: Wenn du nur auch noch mal aufstehen würdest, dann könnte ich dich noch mal fertig machen, du Bestie!

In Sachen Darsteller weiß Ray Lovelock als von den Vorurteilen genervter Antiquitätenhändler vollends zu überzeugen. Mit wehender Haarpracht und Sonnenbrille steht er der ländlichen Tradition gegenüber und beeindruckt immer wieder mit pointiertem Spiel, während er sich bei den Tauben Gehör zu schaffen versucht. An seiner Seite wirkt Cristina Galbó (auch aufgrund ihrer Rolle) zunächst etwas unbeholfen, steigert sich dann im Verlauf des Films aber zu einer ebenfalls gefälligen Hauptrolle. Das sie als Frau aber trotzdem den ewigen Schutz des Mannes benötigt, ist wohl auch in einem durchaus gesellschaftskritischen Film nicht zu ändern. Da die Europäer ihre Filme in jenen Tagen stets mit einem alternden US-Star aufpolierten, gibt es in der Rolle des Inspektors Arthur Kennedy zu sehen, der ebenfalls eine ordentliche Darbietung abliefern kann.

Und sobald die Zombies die Leinwand betreten kommt es auch zu einer durchaus überraschenden Quantität an graphischer Gewalt. Sowohl Ausweidungen, als auch abgerissene Brüste und diverse andere Unannehmlichkeiten werden gekonnt dargestellt und sorgen so ebenfalls dafür, dass sich der Zuschauer immer mal wieder an Romeros Zombie-Interpretationen erinnert fühlt. Und auch wenn der Film zu keiner Zeit die Unmenge an Effekten eines ZOMBIE (1978) erreicht, so ist das Finale doch von erfreulicher Explizität. Für die durchweg gelungenen Effekte zeichnet übrigens der Make-up-Künstler und Spezialeffekt-Handwerker Giannetto De Rossi verantwortlich, der in der Folge sowohl bei italienischen Genre-Klassikern wie Fulcis WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (1980) oder Margheritis ASPHALT-KANNIBALEN (1980), als auch bei Hollywood-Produktionen wie DER WÜSTENPLANET (1984) oder RAMBO III (1988) mitwirken sollte.

Edna: Glaubst du die Polizei könnte Recht haben?
George: Bestimmt nicht! Schon aus Prinzip …

In Deutschland sorgten diese Szenen dann dafür, dass der Film, der zunächst noch ungeschnitten im Kino aufgeführt wurde, zur Heimkinoveröffentlichung ebenso wie zur Wideraufführung (beide unter dem Titel Invasion der Zombies) dann einer Indizierung zum Opfer fiel. Und als wäre es nicht genug, dass diese im Jahre 2007 nach dem Ablauf der 25-jährigen Frist noch einmal bestätigt wurde, fühlen sich seit Beginn dieses Jahrtausends verschiedene Amtsgerichte auch dazu berufen, den Film mit Beschlagnahmungen zu belegen.
So wird ein weiterer großartiger Film mit einer Einschränkung belegt, die seinen Inhalt, seine Ideen und seinen Kunstgehalt vollends ignorieren. Denn Jorge Graus Werk stellt nicht nur einen der frühesten (modernen) Zombiefilme dar, sondern schlicht auch einen der besten. Ein ebenso spannendes wie sinnreiches Script verpackt in eine bestechend atmosphärische Inszenierung, das sind Elemente, die man in vielen ähnlich gelagerten Produktionen vergebens sucht. Und allein dafür gebührt dem Film schon mal der größte Respekt.

Großartiger Zombie-Film, der fast alle Genrekollegen in den Schatten stellt. Selten hat man einen derart spannenden und gekonnt unaufgeregten Untoten-Streifen gesehen, der sowohl sinnvolle Inhalte, als auch Spannung und graphische Gewalt bietet. Für jeden nur entfernt Zombie-Interessierten sicherlich ein Pflichtprogramm!

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