DIE WILDE MEUTE

Die wilde Meute
Il Tempo degli assassini | Italien | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Pierro (Joe Dallesandro) ist der Kopf einer Bande von Jugendlichen, die sich jeder Regel widersetzen. Raubend und vergewaltigend zieht die Meute durch die suburbanen Gassen und lässt keine Schandtat aus. Doch der von seinem Beruf enttäuschte Kommissar Katroni (Martin Balsam) ist der Truppe – unter anderem mit Hilfe eines Maulwurfs – bereits auf der Fersen.

Mitte der 70er Jahre boomte neben anderen Genres auch der Polizottesco, der italienische Polizeifilm. Dessen war sich auch Regisseur Marcello Andrei bewusste, der 1974 mit PSYCHO MANIACS gerade ein durchaus ordentliches Horror-Drama abgeliefert hatte. Ein Jahr später dann sollte es ein Kriminalfilm werden, dem die Drehbuchautoren jedoch eine ordentlichen Portion Jugenddrama und Bandenaktivität beimischten. Unter ebenjenen Schreiberlingen befand sich neben Alvaro Barizio und Andrei selbst übrigens auch der italienische Vorzeigeautor Pierro Regnoli, der mit über 100 Drehbüchern quer durch alle Genres eine feste Größe der italienischen Autorzunft darstellt.
Das Script lässt sich dann wie ein typischer Italo-Polizeifilm an, wechselt jedoch nach kurzer Zeit die Stimmung und konzentriert sich ganz auf die Aktivitäten der Jugendbande rund um den hassverfüllten Pierro. Die Gruppe erinnert dabei nicht nur einmal an die Droogs aus UHRWERK ORANGE (1971), die Stanley Kubrick vier Jahre zuvor verfilmt hatte. Im Gegensatz zu Alex bleibt Pierro allerdings jede Wandlung erspart, er bleibt bis zum bitteren Ende ein Rebel, der sich keinem Gesetz beugt. Durch diesen Wesenszug ist es der Rolle dann aber auch nicht möglich, Sympathien beim Publikum zu erwerben; Pierro bleibt über die gesamte Spielzeit hinweg ein unberechenbarer Irrer.

Pierro: Warum schreit der Kleine denn so?
Mädel: Weil ich ihm gesagt habe, dass du sein Vater bist!

Ansonsten weist der Streifen einen hohen Anteil an nackter Haut und flachen Softporno-Dialogen auf, die die durchaus ernsten Überlegungen von Priestern und Kommissaren immer wieder unerwartet unterbrechen und dem Film so zwar eine klare Linie rauben, dafür aber einiges an Unvorhersehbarkeit mitgeben. An sich krankt der Film etwas an seiner wenig stringenten Storyline, die jedoch mit dem naiven Charme, mit dem die namengebende Truppe zu Werke geht, oft wieder ausgeglichen wird.

Die Hauptrolle dachte Andrei Joe Dallesandro zu, der vor allem durch sein Mitwirken in vier Warhol-Filmen Bekanntheit erlangt hatte. Dort war er stets in exponierten Rollen besetzt und schuf sich so – auch unterstützt durch seine Arbeiten als Nacktmodel – ein Image als lasziv unberechenbarer Jungspund. Genau das prädestiniert ihn auch für die Rolle des Pierro, auch wenn Dallesandro dann außer einigen gelungen Wutausbrüchen nicht viel zu zeigen vermag. Ganz anders sieht das bei Martin Balsam aus. Der US-Amerikaner, der seit den 50er Jahren eine Konstante im Hollywoodkino war, zeigt hier trotz recht kurzer Spielzeit seine Klasse und deklassiert seine italienischen Nebenmänner. Leider ist seine Rolle etwas unklar gezeichnet, sodass manche Szene eine wenig unglücklich wirkt, aber nichtsdestotrotz besticht Balsam durch sein Spiel ohne weiteres.

Typ: Schönen Tag noch und kommen Sie gut in die Urne, Herr Kommissar!

Die Damenwelt ist hingegen etwas schwächer vertreten, Magali Noel und Cinzia Mambretti halten die Fahne des weiblichen Schauspiels nur mit Mühe hoch. Letztere spielte im selben Jahr übrigens die Hauptrolle in STRAßENMÄDCHEN-REPORT und musste dementsprechend keine allzu große inhaltliche Umstellung durchmachen; dienen die Mädels im Film doch allzu oft als billige Schauwerte, die maximal als Begleitung der männlichen Mimen zu Bedeutung kommen. Das ist schade, denn so geht dem Film einiges an Möglichkeiten durch die Lappen.
Punkten kann der Streifen dann hingegen in Sachen Action und einfallsreichen Verbrechen. Es fällt nicht schwer, den Untaten der Jugendbande zuzugucken, eine flotte Inszenierung und Alberto Verrecchias schmissiger Soundtrack tun ihr übriges. Und auch wenn das Finale ein wenig unrund wirkt und sich in der Filmmitte die ein oder andere Länge einschleicht, funktioniert das Gesamtwerk doch erstaunlich gut und lässt den Zuschauer gut unterhalten zurück.

Eine flotte Mixtur aus Poliziottesco und Jugenddrama, die mit flotter Inszenierung und ordentlichen Hauptrollen punkten kann. Diesen guten Eindruck vermögen auch kleinere Längen und einige inhaltliche Ungereimtheiten kaum zu schmälern.

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