DAS LETZTE HAUS LINKS

Das letzte Haus links
The Last House on the Left | USA | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Mari Collingwood (Sandra Cassel) möchte mit ihrer Freundin Phyllis Stone (Lucy Grantham) zu einem Rockkonzert nach New York City. Doch auf dem Weg dahin geraten die Mädels an den Schwerkriminellen Krug (David Hess) und seine Bande. Die vier Kriminellen verschleppen die Mädels in einen nahegelegenen Wald und erniedrigen die Mädels auf grausame Weise.

1971 war Wes Craven seinem Kollegen Sean S. Cunningham bei der Fertigstellung des Erotik-Dramas TOGETHER – DIE LUST ZU ZWEIT zur Hilfe gekommen. Der Film lief dann recht erfolgreich in einschlägigen Kinos und die beiden jungen und unausgebildeten Filmemacher entdeckten, dass sie zusammen durchaus in der Lage waren, erfolgreich Filme zu drehen.
Und genau das hatten die beiden dann auch vor, suchte der pazifistische und gesellschaftlich durchaus links stehende Wes Craven doch ohnehin gerade nach einer Möglichkeit, die medialen Eindrücke des Vietnamkriegs adäquat zu verarbeiten. Die allerorten präsenten Bilder des Krieges in Südostasien sorgten seiner Meinung nach nämlich nicht für die Art von Entsetzen, welche Craven ihnen eigentlich beimaß. Also sollte dieser Schrecken in anderer Form auf Zelluloid gebannt werden, was jedoch nur möglich war, indem sich Craven und Cunningham über die Grenzen des bisherigen Horrorfilms hinwegsetzten und etwas neues – vollkommen zügelloses – erschufen. Als den beiden dann auch noch ein Budget von runden 90.000 US-Dollar zugesagt wurde, wähnten sie sich mit unbegrenzten Mitteln ausgestattet und gingen daran, ein Drehbuch zu schreiben, dass an Grausamkeiten und expliziten Szenen alles bisher Dagewesene übertraf.
Unter anderem fanden sich in einem frühen Entwurf deutlich mehr und deutlich explizitere sexuelle Aufnahmen als im letztendlichen Script und auch Themen wie Nekrophilie wurden angeschnitten. Es sollte ein viel größeres Augenmerk auf den Vergewaltigungen liegen und es war eingeplant, dass Jeramie Rain in der Rolle der Sadie die Brüste einer anderen Darstellerin abtrennte und verspeiste. Wie wir heute wissen, entschärfte Craven diesen ersten Entwurf jedoch im Laufe der Vorproduktion, was jedoch nichts daran änderte, dass das Drehbuch immer noch das härteste darstellte, was die Filmwelt bis dato gesehen hatte.

John Collingwood: Wir werden Sie sofort anrufen, Sheriff, wenn Mari sich gemeldet hat. Danke, dass Sie gekommen sind.
Sheriff: Diese jungen Dinger haben manchmal Überdruck in der Bluse, sie lässt sich nur ‘nen bisschen Dampf ab.

Die Filmcrew verzog sich dann für ein paar Wochen nach Connecticut und drehte alles in einer Atmosphäre von Spaß und Freundschaft. Wie erwähnt war vor allem Craven bar jeglicher filmischer Ausbildung und dementsprechend ungezwungen verliefen auch die Dreharbeiten. Dazu kam der Umstand, dass Craven – inspiriert durch die Berichterstattung aus Vietnam – den Film in einem stark dokumentarischen Stil drehen wollte, erhoffte er sich durch diesen zusätzlichen Realismus doch eine deutlich härtere Wirkung des Gezeigten.
So ist der Film dann tatsächlich sehr wackelig und unsauber gefilmt, was aber genau Cravens Erwartungen erfüllte und dem Streifen einen sehr nahen und realistischen Touch gibt. In Verbindung mit der ungezwungen Art der Darsteller und den glaubwürdigen Lokationen erreicht der Film so ein sehr hohes Maß an Realismus. Ein Umstand, der nur durch die vereinzelten Auftritte der beiden Polizisten unterbrochen wird. Diese Szenen weisen einen deutlich anderen Charakter auf, und unterbrechen so die brachial düstere Stimmung immer wieder mit ihrer slapstickhaften Komik und den albernen Dialogen; bis heute streiten sich Fans des Films folglich immer wieder um die Auftritte der beiden Gesetzeshüter.

Ein weiterer Gegenpol zur rauen Bildführung und der daraus entstehenden bedrohlichen Atmosphäre ist die Musik des Films. Während Craven und Cunningham nach einen Komponist suchten, erwähnte der sich gerade im Casting befindlichen David Hess, dass er diesen Job ebenfalls übernehmen könne. Eine kurze Kostprobe genügte und Hess konnte gleich zwei Verträge unterschreiben. Daraufhin komponierte er lockere Gemische aus Country und Blues, die mit ihrer fröhlich ungezwungenen Art einen ebenso krassen, wie gelungenen Kontrast zu den visuellen Grausamkeiten darstellen. Ein Verfahren, dass bis heute stilbildend ist, gehört es doch mittlerweile zum Genre dazu, spätestens im Abspann die Nerven der Zuschauer mit lockerer – oberflächlich betrachtet unpassender – Musik zu entspannen.
Doch auch in Sachen Schauspiel konnte der erwähnte – und übrigens schauspielerisch ansonsten unerfahrene – David Hess überzeugen. Sein Charakter Krug strotzt nur so vor grausamem Sadismus und spielt sich so in den Mittelpunkt. Laut den Aussagen aller Beteiligten war Hess dabei derart in seine Rolle vertieft, dass er am Set teilweise nicht zu ertragen war. Sandra Cassel, die im Film von Hess vergewaltigt wird, war wohl auch während der Dreharbeiten nicht gut auf diesen zu sprechen, hatte regelrecht Angst vor ihm. Neben Hess fällt auch Fred J. Lincoln auf, der zuvor schon Erfahrung als Pornodarsteller gesammelt hatte und auch in der Folge als Darsteller und Regisseur von Erotikproduktionen seine Brötchen verdienen sollte. Lincolns Rolle besticht ebenfalls durch ihre äußerste Manie und steht Hess dabei in nichts nach. Ganz allgemein macht die Besetzung hier eine gute Arbeit und trägt maßgeblich zum intensiven Stil des Films bei.

Krug: Und lass meine Frau in Ruhe!
Fred: Deine Frau? Ich dachte sie wäre unsere Frau …
Sadie: Und lass deine Pfoten weg. Ich bin von keinem von euch die Frau! Ich bin meine eigene, freibumsende Frau, verstanden?

Eine zentrale Rolle neben natürlich auch die visuellen Grausamkeiten ein, die der Film auf seine Zuschauer einprasseln lässt. Schon die ersten Bedrohungen und Beleidigungen wirken sehr realistisch und unangenehm und der Film schafft es dann in der Folge stets noch einen drauf zu setzen. Immer mehr spitzt sich die Gewalt zu, bis sie schließlich auf eigentlich unbeteiligte Menschen übergreift. Die dabei gezeigten Gewalttaten und sexuellen Übergriffe werden zwar nie bis zum Äußersten dargestellt, sind aber aufgrund des erwähnten realistischen Stils des Films nicht minder intensiv. So muss es wohl auch vor Ort gewirkt haben, betrachtet man die wohl wirklich vorhandene Angst von Sandra Cassel oder die Tatsache, dass Lucy Grantham in einem Interview offenbarte, dass die Szene, in der sie gezwungen wird, in ihre Hose zu urinieren keineswegs gestellt war. Diese und andere Belege bezeugen, dass die Gewalt nicht nur Selbstzweck war, sondern den Film und seine Entstehung maßgeblich prägte.

Natürlich sorgte diese zuvor nicht gekannte Gewaltorgie für einen Aufschrei der Kritiker und Kinogänger. Unzählige Organisationen versuchten, Aufführungen des Film zu unterbinden, Länder wie Australien oder Großbritannien untersagten die Vorführung gleich gänzlich; zumindest letzteres hob das Verbot dann im Jahre 2000 auf, sodass der Film dort nun wieder gezeigt werden darf. Dass der Film seit dem Aufkommen der VHS-Kassette in Deutschland sowohl indiziert als auf beschlagnahmt ist, bedarf kaum einer Erwähnung, belegt aber ein weiteres Mal, wie rigoros man allerorten gegen den Film vorging und bis heute vorgeht.

Deputy: Hören Sie nichts?
Sheriff: Was?
Deputy: Ich sag Ihnen das kommt was!
Sheriff: Das ist meine Galle die hochkommt, sie Trottel!

Dabei ist das Sujet beileibe kein Unbekanntes, inszenierte Ingmar Bergman doch bereits 1960 mit DIE JUNGFRAUENQUELLE das Thema und heimste damit doch glatt einen Oscar ein. So machte Craven auch nie einen Hehl daraus, dass er sich inhaltlich klar von Bergmans Film inspirieren ließ und die Handlung nur aus dem schwedischen Mittelalter in die US-amerikanischen Wälder der frühen 70er Jahre verlegte. Die Geschichte der schuldlos in die Gewalt getriebenen Eltern funktioniert dann auch ein weiteres Mal sehr gut und gibt dem Film viel mehr Sinn und Tiefgang, als es manch dumpfer Kritiker wahrhaben möchte.
Bis heute prägt der Film das Terrorgenre und stellt die moderne Begründung der Rape-and-Revenge-Films dar. Für Craven und Cunningham bedeutete der Film den Anfang einer großen Karriere im Horrorbusiness. Craven setzte den schmutzig bösen Stil 1977 mit HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN – wenn auch etwas abgemildert – fort, Cunningham schuf 1980 mit FREITAG DER 13. einen der Genreklassiker schlechthin und gleichzeitig den Startschuss einer ewiglangen Filmreihe. Bis heute spaltet DAS LETZTE HAUS LINKS die Gemüter und zwingt die Beteiligten immer wieder zu Rechtfertigungen und Begründungen. Dabei hätte der Film genau das gar nicht nötig, wenn man ihn einfach als das sähe, was er nun mal ist: Ein ebenso harter, wie gelungener Terrorfilm, der perfekt in seine Zeit passte und auch heute noch zu faszinieren weiß.

Intensiver und faszinierender Klassiker, der das Terrorgenre bis heute prägt. Die äußerte Kompromisslosigkeit und die zahlreichen Innovationen machen den Film heute noch genauso wertvoll wie damals.

Advertisements

12 Antworten zu “DAS LETZTE HAUS LINKS

  1. Pingback: IM TODESTAL DER WÖLFE | SPLATTERTRASH·

  2. Pingback: ES BEGANN UM MITTERNACHT | SPLATTERTRASH·

  3. Pingback: BLUTGERICHT IN TEXAS | SPLATTERTRASH·

  4. Pingback: HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN | SPLATTERTRASH·

  5. Pingback: DER TIGER VON OSAKA | SPLATTERTRASH·

  6. Pingback: WES CRAVENS MINDRIPPER | SPLATTERTRASH·

  7. Pingback: HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS | SPLATTERTRASH·

  8. Pingback: NIGHTMARE – MÖRDERISCHE TRÄUME | SPLATTERTRASH·

  9. Pingback: FREITAG DER 13. | SPLATTERTRASH·

  10. Pingback: DIE TEUFLISCHEN VON MYKONOS | SPLATTERTRASH·

  11. Pingback: REBEL RIDERS | SPLATTERTRASH·

  12. Pingback: JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN | SPLATTERTRASH·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s