DER EXORZIST

Der Exorzist
The Exorcist | USA | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Als die kleine Regan (Linda Blair) zunehmend ausfallendes Verhalten zeigt, denkt sich die alleinerziehende Mutter Chris (Ellen Burtyn) dabei zunächst nichts Schlimmes. Doch die Beleidigungen und Absurditäten nehmen zu, sodass Chris – nachdem sie allerlei Ärzte abgeklappert hat – sich schließlich an Pater Damien Karras (Jason Miller) wendet. Der an seinem Glauben zweifelnde Geistliche sieht letztlich nur eine Möglichkeit, die kleine Regan zu retten: Einen Exorzismus.

1968 hatte Roman Polanski mit ROSEMARIES BABY einen Film über des Teufels Versuch, sich auf der Erde einzunisten, gedreht. Das Thema war also nachweißlich auf der großen Leinwand behandelbar, was man bei Warner Brothers interessiert zu Kenntnis genommen haben dürfte, als man in deren Firmenräumen davon hörte, dass der Drehbuchautor William Peter Blatty und der Regisseur William Friedkin auf der Suche nach einem Studio waren, das die Verfilmung von Blattys Roman Der Exorzist von 1971 bezahlen würde.
Blatty ließ sich dabei von einem angeblich wahren Vorfall aus den 40er Jahren inspirieren und landete mit dem Buch einen Welthit, der sich wochenlang auf Platz Eins diverser Beststellerlisten halten konnte. Kurze Zeit später fertigte Blatty dann ein Drehbuch auf Basis seins Werks an und war von Anfang an der Meinung, dass nur William Friedkin als Regisseur dafür in Frage käme. Dieser hatte mit seinem Kultstreifen BRENNPUNKT BROOKLYN (1971) bei der Oscarverleihung 1972 gerade die Awards für den Besten Film und die Beste Regie eingeheimst und schien somit prädestiniert dafür, Blattys anspruchsvollen Stoff auf die Leinwand zu bringen.

Regan: Du magst ihn doch, hm?
Chris: Sicher mag‘ ich ihn. Ich mag‘ auch Würstchen, aber ich heirate doch keins!

Denn genau das ist die Geschichte – die allzu häufig auf ihre ikonischen Schlussmomente reduziert wird – nun einmal. Der Großteil des Films widmet sich der subtilen Einflechtung von Horror und Bösem in das alltägliche Leben scheinbar normaler Menschen. Die Familie MacNeil wirkt zwar oberflächlich glücklich, aber der fehlende Vater (der nicht einmal zum Geburtstag seiner Tochter anruft) hat tiefe Wunden im Familienleben hinterlassen. Mutter Chris reist viel und zwingt ihre Tochter folglich zu zahlreichen Umzügen, Bindung besteht vor allem unter den (verbliebenen) Familienmitgliedern. Ganz ähnlich ist es um Pater Karras bestellt; der intelligente und durchtrainierte Geistliche ist vom Tode seiner Mutter gebeutelt, für den er sich verantwortlich macht und dessen Glaube deshalb bröckelt.
Diese Grundlagen entwickeln sich dann im Laufe des Films subtil weiter, umgarnt von mehreren Nebenplots. Nicht nur Friedkin betont deshalb auch häufig, dass er seinen Film viel mehr als psychologische Studie sieht, denn als handelsüblichen Horrorfilm. Und tatsächlich zieht der Film seine Spannung lange Zeit vor allem aus der Entwicklung der Rollen und der sich daraus ergebenden Interpretationsmöglichkeiten.

Erst der finale Exorzismus trägt den Film dann in den klassischen Horrorbereich und gilt bis heute als eine der intensivsten und ikonischsten Szenen der Genregeschichte. Vor allem die ebenso übertriebene wie explizite Darstellung von Regans Besessenheit trägt dafür die Verantwortung, denn was es hier zu sehen gibt, war den damaligen Zuschauern gänzlich neu. Es werden Priester bespuckt, Köpfe um 360 Grad gedreht und schließlich rammt sich eine 12-jährige ein Kreuz in die Vagina. Das alles mehr als explizit visualisiert (und aus diversen Gründen teilweise von der damals 28-jährigen Eileen Dietz gedoubelt) verleiht dem Filme eine Stimmung, die irgendwo zwischen maßloser Übertreibung und nie Dagewesenem schwankt.
Dementsprechend zahlreich sind dann auch die Zeitzeugnisse, die von Übelkeit und Erbrechen bei den Kinogästen berichten. Zahllose Besucher haben die Vorstellungen fluchtartig verlassen und in einem Kino soll es laut der New York Times gar zu einer Fehlgeburt gekommen sein. Derlei Geschehnisse sind aber freilich nicht nur auf das Finale zurückzuführen, sondern gründen sich auf die in seiner Gesamtheit unfassbar spannende Inszenierung des Films.

Regan: Deine Mutter lutscht Schwänze in der Hölle!

Maßgeblich dafür mitverantwortlich sind natürlich auch die Mimen, auf deren Rücken der Großteil des Films ruht. Ellen Burstyns Darstellung einer selbstbewussten Frau, die sich aus Hilfslosigkeit immer weiter und weiter in Richtung Gottes- bzw. Teufelsglauben gedrängt sieht, fasziniert ebenso, wie Jason Millers (seines Zeichens eigentlich Dramenautor) Interpretation des gebrochenen Priesters, der schließlich durch den Exorzismus seinen Glauben wiederfindet. Leider bekommt der großartig per Makeup gealterte Max von Sydow nur recht wenig Screentime zugebilligt, schafft es aber trotzdem, einen unerschütterlichen Pater Merrin zu erschaffen. Beeindruckend ist ebenfalls die Leistung der damals 12-jährigen Linda Blair, die – nach eigenem Bekunden oft ohne eine Ahnung von dem, was sie gerade tut – allerlei skurrile Momente äußerst routiniert schauspielert.
Interessant ist auch eine Betrachtung der musikalischen Seite des Films, die größtenteils auf einen sehr artifiziellen und geräuschorientierten Klang setzt. Das fällt vor allem zu Beginn des Films auf, wenn Max von Sydow durch seine irakische Ausgrabungsstätte streift. Einzelne Geräusch wie Hammerschläge oder kämpfende Hunde bestimmen alles, selbst eine tickende Uhr ist in einer Szene der lauteste Klang. Auch später dringen die Geräusche von Regan durch das ganze Gebäude, selbst leises Stöhnen schallt fast durch das Treppenhaus. Diese künstliche Konzentration auf gewisse Geräusche prägt die Atmosphäre des Films und steuert die Aufmerksamkeit des Zuschauers geschickt.

Die Verbindung von grandiosem Schauspiel, inhaltlicher Tiefe und bahnbrechend intensiv inszeniertem Horror lockte dann ungeahnte Massen in die Kinos und macht den Film bis heute zu einem der finanziell erfolgreichsten Horrorstreifen aller Zeiten; der das von ROSEMARIES BABY begonnene Werke fortsetzte und dem okkulten Horror gänzlich den Weg ebnete. Teilweise wurde er sogar von diversen Geistlichen wohlwollend aufgenommen, die in dem Film eine äußerst positive Positionierung von Glauben und Religion in dem an sich unmoralischen Hollywood-Business sahen; zahlreiche gegenteilige Äußerungen von sakralen Persönlichkeiten blieben allerdings genauso wenig aus.

Damien: Klaust du jetzt auch noch meine Schuhe?
Pater Dyer: Nein, ich kann aus den Falten im Leder die Zukunft lesen. Halt die Klappe und schlaf!

Neben diesen Erfolgen sorgte der Film aber auch dafür, dass sich Friedkin und Blatty kurz vor Produktionsende zerstritten. Friedkin hatte einem Mitarbeiter von Warner Brothers eine weit fortgeschrittene Wortprint-Fassung des Films gezeigt, was diesen dazu veranlasste, diverse Änderungswünsche vorzubringen, die Friedkin nach kurzer Überlegung überzeugten. Daraufhin schnitt er mehrere Szenen aus dem Film, was ihm dann den Unmut von Blatty einbrachte, der „seinen“ Inhalt gefährdet sah. Friedkin setzte sich letztlich durch, nahm dafür aber eine jahrelange Eiszeit in der Freundschaft der Beiden in Kauf. Doch viele Jahre nach diesem Eklat rauften sich die zwei wieder zusammen, und veröffentlichten im Jahre 2000 schließlich den Director’s Cut, der wieder näher an der von Blatty präferierten Fassung ist. Leider konnte jedoch nicht das gesamte Material der Urfassung restauriert werden, sodass der „originale“ Film bis heute unveröffentlicht ist. Allerdings sind die Schlüsselmomente (Regans – per CGI nutzbar gemachter – Treppenlauf und die Unterhaltung von Karras und Merrin auf ebenjener Stiege) wieder integriert worden und Friedkin hat bereits mehrfach betont, dass der Director’s Cut mittlerweile auch seine Präferenz darstellt. So konnte nach über 25 Jahren endlich Frieden einkehren.
Der Film selbst kann nach über 40 Jahren immer noch eine beeindruckende Atmosphäre erzeugen, auch wenn er sicherlich nicht mehr der „erschreckendste Film aller Zeiten“ ist; falls er es jemals war. Auf der Suche nach spannendem Horrorkino kommt man aber auch heute nicht an DER EXORZIST vorbei und wer gerne einen Blick auf die filmhistorische Bedeutung von Filmen wirft, der muss vor diesen Steifen ohnehin ganz tief den Hut ziehen. Denn letztlich schufen Friedkin und Blatty 1973 die Grundlage für vieles, was heute im Genre Gang und Gebe ist. Und das kann man dem Streifen gar nicht hoch genug anrechnen.

Uneingeschränkter Klassiker, der vor allem aufgrund seiner unfassbar dichten Atmosphäre auch heute noch beeindruckt. Seine Bedeutung für den modernen Horrorfilm, die tollen Schauspieler und eine Vielzahl ikonischer Einstellungen sorgen dafür, dass der Streifen seinen Platz in den Genre-Annalen sicher hat. Und das zu Recht!

7 Antworten zu “DER EXORZIST

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