DIE UNGLAUBLICHEN ABENTEUER DES HOCHWOHLLÖBLICHEN RITTERS BRANCA LEONE

Die unglaublichen Abenteuer des hochwohllöblichen Ritters Branca Leone
L’Armata Brancaleone | Italien | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Brancaleone da Norcia (Vittorio Gassman) ist ein heruntergekommener Ritter, der seine Ideale jedoch nicht aus den Augen verloren hat; auch wenn deren konkrete Umsetzung oft misslingt. Als den Knappen Pecoro (Folco Lulli) und Taccone (Gianluigi Crescenzi) die Besitzurkunde einer Stadt in die Hände fällt brauchen die beiden Brancaleones Hilfe, um sich die Stadt zu eigen zu machen. Fortan reist die ungleiche Truppe gemeinsam durchs Land, gewinnt stetig neue Mitstreiter und muss allerlei Abenteuer bestehen.

1966 schwang sich Mario Monicelli dazu auf, der sich schon wieder auf dem absteigenden Ast befindlichen Commedia all’Italiana einen ungewöhnlichen Vertreter hinzuzufügen. Anstatt die sozialen Probleme und Verrücktheiten dieser Zeit in einem zeitgenössischen Rahmen zu behandeln bzw. an den Pranger zu stellen, entschied sich Monicelli dafür, die Geschehnisse in das Mittelalter zu verlegen. Das Drehbuch dazu schrieb das Autorenduo Age & Scarpelli, die im gleichen Jahr auch mit ihrer Mitarbeit an ZWEI GLORREICHE HALUNKEN einiges an Erfolg einheimsen sollten.
Im Script finden sich dann unzählige Seitenhiebe auf Themen wie Religion, Lehnsherrschaft, das Rittertum oder Thronfolge, die oftmals ihre Analogien im Italien der 60er Jahre finden. Dieses Merkmal der Commedia all’italiana funktioniert prächtig und wird von Monicelli so inszeniert, dass der Streifen sich zwar von einem Ulk in den nächsten stürzt, dabei jedoch nie die äußerst schmale Grenze hin zum Klamauk überschreitet. Es gibt immer genügend Handlung und ernste Parabeln hinter dem vordergründigen Geblödel, sodass die Späße nie zu reinem Selbstzweck werden.

Brancaleone: Wer ist denn die Blasse da?
Teofillato: Meine Schwester!
Brancaleone: Nein, ich mein die Alte da, die abgetakelte Fregatte …
Teofillato: Meine Mutter!

Ihren Teil dazu bei tragen auch die teils großartigen Mimen, allen voran natürlich Vittorio Gassman, dessen Karriere ohne Frage zu den ganz großen der italienischen Nachkriegszeit zählt. Gassman präsentiert einen Ritter Brancaleone, der stets von sich selbst überzeugt ist, auch wenn die Ereignisse um ihn herum aus dem Ruder zu laufen drohen. Er führt auch ein Gefolge von drei Personen noch lautstark in die Schlacht und behandelt auch die schönste Jungfrau mit Anerkennung und Respekt. Gassman wart dabei in den albernen Szenen eine derart tolle Mimik, dass der Zuschauer nicht anders kann, als mit dieser tragikomischen Figur mitzufühlen.

Nach einem schier ewig dauernden Kampf – der jedoch ausschließlich für Lacher, keineswegs jedoch für Seufzer sorgt – gesellt sich dann auch Gian Maria Volontè in der Rolle des Ritters Teofilatto zu der Runde. Volontè hatte gerade FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR (1965) abgedreht und bereicherte dann diesen Cast mit seiner gewohnt schwungvollen Präsenz. Bemerkenswert ist darüber hinaus noch der Auftritt der Britin Barbara Steele – ansonsten eher bekannt aus Streifen wie DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1960) und DAS PENDEL DES TODES (1961) – die hier eine sadomasochistisch veranlagte Königin spielt.
Und genau diese Rolle leitet schön zum Herzstück des Films über: Den einzelnen Episoden der Handlung. Die tolle Besetzung präsentiert die erwähnten Blödeleien nämlich in Form einzelner Szenen, die meist in sich geschlossen sind. Mal ist das die Verbrüderung mit Gläubigen, die ins Heilige Land ziehen, mal die Eroberung einer von der Pest befallenen Stadt und mal die Verteidigung einer holden Jungfrau. Dabei wechselt die Anwesenheit der Nebenrollen teilweise etwas, aber stets erleben die Anwesenden Abenteuer, die zwar alleinstehend, aber der Gesamthandlung trotzdem dienlich sind. Dieses Konzept wird beibehalten, bis ein großer Handlungsrahmen am Ende die Geschichte in sich schließt. Nie hat man als Zuschauer dabei den Eindruck einem Episodenfilm zu folgen, stets gibt es Anknüpfungspunkte, die die Geschehnisse miteinander verweben.

Unterlegt wird das Ganze dann mit einem grandiosen Soundtrack aus der Feder von Carlo Rustichelli, der mit teils flotten, teils tragenden Melodien dazu beiträgt, dass der Film dieses ganze gewisse Etwas zwischen Unsinn und Verstand trifft. Leider ist Rustichellis tolle Arbeit in Sachen Sprache in der deutschen Kinofassung dann verloren gegangen. In der Originalfassung sprechen alle Rollen mit einem eigenen, regionalen Dialekt bzw. mit entliehenen Wörtern und Phrasen aus dem klassischen Latein. Wenn Teofillato dann mit seiner Mischung aus Hoch- und Altsprache auf die in einer Sprache, die dem lockeren Studentenitalienisch der 60er Jahre entliehen ist, wütenden Pecoro und Taccone trifft, muss das für den kundigen Zuhörer noch einen ganze eigenen Charme entwickeln, der der deutschen Fassung leider abgeht. Als Trost sei gesagt, dass der sagenhafte Titelsong in allen Sprachen gleichwohl gut funktioniert und sich ganz schnell als gefährlicher Ohrwurm herausstellen kann.

Prediger: Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sag‘ ich euch, er flickt auch morsche Hängebrücken!

In all seinem Übermut berührt der Film übrigens einige, vor allem religiöse Themenbereiche etwas unsanft, sodass sich besonders sanftmütige Menschen durchaus vor den Kopf gestoßen fühlen könnten. Man muss das jedoch immer im Genrekontext sehen, der den rauen Umgang mit unliebsamen Themen relativiert und in teilweise legendäre Lacher verwandelt.
So vergeht die Spielzeit dann wie im Fluge und lässt den Betrachter mit wahrscheinlich offenstehendem Mund zurück. Wie ein Film es knapp zwei Stunden lang schaffen kann, trotz einer Unzahl an Albernheiten und Späßen nicht in komödiantischen Selbstzweck abzudriften, sondern stets Sinn und Verstand zu wahren, das ist schon ein kleines Kunstwerk. Wenn dann noch der Cast überzeugt und die Musik mitreißt, dann steht einem wilden Abenteuer wahrlich nichts mehr im Wege. Und genau das ist bei diesem Streifen der Fall.
Und falls es jemanden interessiert, wie Brancaleones Kreuzzug, auf den er sich am Filmende – wie immer freimütig – begibt, endet, so sei der Nachfolger BRANCALEONE AUF KREUZZUG INS HEILIGE LAND (1970) wärmstens ans Herz gelegt.

Klasse Komödie, die allerlei gesellschaftkritische Seitenhiebe in ein wunderbares, mittelalterliches Kostüm kleidet. Vittorio Gassman brilliert und macht diesen Film zu einem echten Erlebnis.

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6 Antworten zu “DIE UNGLAUBLICHEN ABENTEUER DES HOCHWOHLLÖBLICHEN RITTERS BRANCA LEONE

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