HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT

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Hexen bis aufs Blut gequält
Hexen bis aufs Blut gequält | Deutschland | 1970
IMDb, OFDb, Schnittberichte

In einem kleinen österreichischen Dorf regiert der finstere Albino (Reggie Nalder) als Hexenjäger und bezichtigt jeden, der sich ihm wiedersetzt, der Hexerei. Als eines Tages der Inquisitor Lord Cumberland (Herbert Lom) mit seinem Assistenten Christian (Udo Kier) ankommt, erhoffen sich die Bewohner eine gerechtere Hexenverfolgung, doch der edle Christian muss schnell feststellen, dass auch sein Herr nach höchst eigenen Maßstäben richtet.

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1968 schlug der ebenso explizite wie atmosphärische Film DER HEXENJÄGER ein wie eine Bombe und begründete eine zwar überschaubare aber keineswegs zu vernachlässigende Welle an Filmen, die sich ebenfalls dem Thema Hexenverfolgung widmeten. Unter den Inspirierten befand sich auch der österreichische Filmschaffende Adrian Hoven, der jenes Sujet in einem eigenen Film verarbeiten wollte. Dazu schnappte er sich Michael Armstrong als Regisseur, mit dem er zusammen auch das Drehbuch schrieb. Armstrong hatte bis dahin lediglich den Horrorschinken GÄNSEHAUT (1969) in seinem Portfolio stehen. Leider hatte der junge Regisseur im Verlaufe der Dreharbeiten dann aber mit Unpünktlichkeit und Drogenproblemen zu kämpfen, was schließlich dafür sorgte, dass Hoven nach nur einem Drittel der zu drehenden Szenen die Leitung übernahm. Das Gerücht, Armstrong habe zwei Jahre zuvor bei DER HEXENJÄGER als Regieassistent gearbeitet, entbehrt übrigens jeder Grundlage.
Die Unruhen auf dem Regiestuhl merkt man dem Film dann aber nicht an, die Inszenierung ist flüssig und stilsicher. Der Film präsentiert immer wieder – und nicht zuletzt dank Michael Holms tollem Soundtrack – an den Heimatfilm erinnernde Einstellungen, die die Bandbreite der österreichischen Drehorte gut nutzen. Es gibt zahlreiche weite Einstellungen mit Unmengen an Komparsen zu sehen, die einen gelungenen Eindruck jener Zeit vermitteln. Besonderes Augenmerk liegt auf der Charakteren, die in den dialoglastigen Teilen des Films stets im Mittelpunkt stehen.

Erzähler: 8 Millionen Menschen, so schätzt man, wurden zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert aus Irrglauben und Fanatismus dem „Hexenwahn“ zum Zwecke der „Seelenrettung“ geopfert. Ihr Tod auf dem Schafott oder dem Scheiterhaufen war für sie die Erlösung von qualvoller, oft jahrelang dauernder Folter.

So macht dann auch der Cast die große Stärke des Films aus. Allen voran muss hier Udo Kier genannt werden, der mit diesem Film den Grundstein für seine (abseitige) Filmkarriere legte. In seinem erst dritten Film (und dem ersten in Farbe) zeigt der Mann mit dem markanten Gesicht eine tolle Leistung, und schafft es, die Rolle des Christian gegen die Zwänge des Systems elegant auf der Seite der Moral zu halten. Zunächst an seiner Seite, später ihm gegenüber, mimt dann der Brite Herbert Lom den Inquisitor Cumberland, der die gesamte Macht der Inquisition in einer Figur bündelt. Über den Dingen stehend spricht er vermeintliches Recht und wird dabei auch lange Zeit von Christian vollauf akzeptiert. Lom strotzt dabei nur so vor Autorität und Weisheit, was der Rolle eine beeindruckende Präsenz verleiht.

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Auf der Seite der kontinuierlich Bösen gibt es dann Reggie Nalder zu sehen. Diesem haftet mit seinen Brandnarben im Gesicht etwas originär Böses an, was auch schon 1956 in Hitchcocks DER MANN, DER ZUVIEL WUßTE oder 1969 in Argentos Erstling DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE gut funktionierte. Hier zaubert Nalder den wunderbaren Fiesling Albino auf die Leinwand, der seinen Posten als Hexenjäger nur zur Befriedigung seiner Gelüste nutzt. Ihm zur Seite steht mit Herbert Fux ein weiterer Stereotyp des Bösen, der hier mit vor Wahn verzerrtem Gesicht allerlei Folterungen betreibt. Die beiden ergeben ein herrlich böses Team, das sich für keine Schandtat zu schade ist.
Im anderen Geschlechterlager gibt es mit Olivera Katarina und Gaby Fuchs zwei ebenso bezaubernde wie charakterstarke Rollen zu sehen. Vor allem Katarina beeindruckt als starke und eigensinnige Frau, die bis zum Schluss ihren Überzeugungen treu bleibt. Ein Umstand, der in jener Zeit wahrlich nicht selbstverständlich war. Die sehr internationale Besetzung sorgte übrigens auch dafür, dass die Dreharbeiten auf Englisch stattfanden und der Film im Nachhinein synchronisiert wurde. Ein Umstand, der sich bei der späteren Vermarktung und dem Verkauf als sehr glücklich herausstellen sollte.
Dieser tolle Cast schafft es dann, die durchaus vorhandenen Schwächen des Drehbuchs ohne weiteres auszugleichen. Denn stellenweise verkommen manche Szenen doch ein wenig zum Selbstzweck oder führen unwichtige Elemente zu sehr aus. Dabei geht dann eine stringente Haupthandlung etwas verloren, sodass der Film eigentlich nur eine relativ flache Rumpfgeschichte vorweisen kann, die mit zahlreichen Sideplots ausgeschmückt wird. Wären nicht die fesselnden Rollen, hätte sich dieser Umstand sicherlich zu einem Problem entwickeln können, aber die zahleichen begabten Mimen wiegen das locker auf.

Wächter: Die halbe Stadt, euer Gnaden, es ist ein Aufruhr! Die Leute sind schon auf dem Weg hierher, sie wollen das Schloss stürmen! Wir müssen uns auf einen Kampf vorbereiten!
Lord Cumberland: Wir müssen meine Kutsche vorbereiten, Blödian, geh!

Ebenfalls gelungen ist die Ausstattung des Films, die gerade in Anbetracht seines originär exploitativen Themas durchaus überrascht. Gedreht wurde ausschließlich an österreichischen Originalschauplätzen, was den Sets eine beeindruckende Realitätsnähe verleiht. Insbesondere die Innenaufnahmen beeindrucken mit detailverliebten Räumen und einer tollen Ausstattung, aber auch die Außenaufnahmen profitieren von den örtlichen Gegebenheiten. Zusammen mit der österreichischen Bergkulisse erhält der Film dann eine äußerst gelungene Optik, die ihn deutlich wertiger erscheinen lässt, als man zunächst vermuten könnte.
War nun schon DER HEXENJÄGER ein für jene Zeit äußerst brutaler Film, setzte das Team von HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT noch einmal einen drauf und spickt den Film mit zahlreichen äußerst blutrünstigen Szenen. Allerlei Folterwerkzeug kommt zum Einsatz und unterschiedlichste Praktiken finden Anwendung. Dabei fängt die Kamera stets alle Geschehnisse ein und kann damit manches Mal für ein flaues Gefühl im Magen sorgen. Denn auch wenn die Effekte aus heutiger Sicht sicherlich etwas angestaubt wirken mögen, so können sie doch allein durch ihre Intensität Ekel hervorrufen. Anhaltendes Geschrei und die Litaneien der Gequälten tun ihr Übriges.

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Natürlich sorgten dieserlei Szenen bei der Veröffentlichung des Films auf dem Heimkinomarkt umgehend für Indizierungen und Beschlagnahmungen; die beide bis heute Bestand haben. Aber auch schon bei der Kinoveröffentlichung kannte die Kritik keine Gnade mit dem Film und unterstellt ihm schlichten Selbstzweck in seinen Gewalttätigkeiten. Der Vertrieb Atlas International bedankte sich für diese Werbung und vermarktete den Film fortan mit Angaben darüber, in wie vielen Ländern er verboten sei. In den USA gab man den Besuchern gar Kotztüten mit in die Vorstellung, während man in Deutschland Gläser mit Beruhigungsmitteln am Kinoeingang aufstellte. All diese Maßnahmen zeigten dann auch Erfolg und machten den Film zu einem der erfolgreichsten deutschen Streifen auf dem internationalen Markt. Schnell erreichte der Film weltweit Kultstatus, was bis heute anhaltende Wiederaufführungen bezeugen. Insbesondere der Umstand, dass der Film einen der ohnehin wenigen deutschen Exploitationfilme darstellt (und einen der ganz wenigen, die auch noch erfolgreich liefen), verleiht ihm eine äußerste Relevanz.

Albino: Antworte mir oder ich mache dich zur Hexe!
Vanessa: Der einzige Weg für dich an eine Frau zu kommen …

Dabei wird bis heute darüber gestritten ob der Film diesen Ruhm lediglich seinen expliziten Gewalttaten verdankt, oder ob er darüber hinaus Werte besitzt, die ein solches Renommee rechtfertigen würden. Und auch wenn man den zahlreichen Folterungen einen gewissen Selbstzweck nicht absprechen kann (und möchte), so stellen sie doch eine Realität dar, die abzubilden der Film angetreten ist; und die er mit seinen Charakterrollen und Darbietungen auch zu schaffen vermag. Natürlich haftet dem Film auch der unter den Kritikern selten gerngesehene Duft des Exploitationkinos an, aber darüber darf man die Qualitäten dieses Streifens nicht verkennen. Die dichte Atmosphäre und die schonungslose Darstellung menschlicher Grausamkeiten sollen ja auch keinen Spaß machen, sondern aufrütteln und schockieren. Und diesen Ziel erreicht HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT mit Bravour.
Drei Jahre später konnte Adrian Hoven dem Genre dann mit HEXEN – GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQÄULT keine neuen Impulse mehr geben, neben dem oben erwähnten Klassiker hatte sich Exploitation-König Jess Franco mit DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR (1970) den letzten Platz unter den großen Drei dieses Genres gesichert.

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Ebenso atmosphärischer wie bitterböser Hexenstreifen, der vor allem mit seiner grandiosen Besetzung punkten kann. Die tolle Inszenierung und die sehr expliziten Folterungen runden das Gesamtpaket ab und machen die leichten Drehbuchschwächen spielend vergessen.

3 Antworten zu “HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT

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