ZWEI GLORREICHE HALUNKEN

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Zwei glorreiche Halunken
Il Buono, il brutto, il cattivo | Deutschland/Italien/Spanien | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Blonde (Clint Eastwood) und Tuco (Eli Wallach) wissen beide von einem sagenhaften Schatz, den sie jedoch nur gemeinsam Bergen können. Der berechnende Sentenza (Lee Van Cleef) missgönnt den beiden aber den Reichtum und möchte das Gold selber einheimsen. Es entbrennt eine mörderische Schatzsuche, die die Protagonisten durch die Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs scheucht.

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Obwohl Sergio Leone als er FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR (1964) inszenierte keine Fortsetzungen im Sinn hatte, zwang ihn der Erfolg des Films mehr oder minder dazu, das Thema auszubauen. Als FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR (1965) den Erfolg des Vorgängers noch übertraf, sah sich Leone ein weiteres Mal einer Situation gegenüber, die ihm de facto einen weiteren Film abnötigte. Ein Umstand, der sicherlich zu ertragen war, auch wenn die Erwartungen sich mittlerweile überschlugen. War der erste Teil der im Nachgang als Dollar-Trilogie betitelten Reihe noch der Versuch, das populäre Westernkino nach Italien zu holen, manifestierte der zweite Teil bereits einen Stil, der das gerade in der Entstehung befindliche Genre des Italowestern nachhaltig beeinflussen sollte. Somit sollte es für Leone nun ungleich schwerer werden, die Erwartungen an einen (finalen) dritten Teil zu erfüllen.
Neben den Erwartungen steigerte sich mit der Zeit natürlich auch das zur Verfügung stehende Budget, sodass Leone nun über runde 1,2 Mio. US-Dollar verwalten konnte. Was dem Film einerseits zahlreiche Möglichkeiten eröffnete, sorgte andererseits natürlich auch für Begehrlichkeiten; von denen auch Clint Eastwood nicht verschont blieb. Dieser unterschrieb seinen Vertrag erst, als im 250.000 US-Dollar Gage plus 10% weltweiter Gewinnbeteiligung zugesagt wurden. Ein Umstand, der bei seinem Entdecker Leone für großen Unmut sorgte und die beiden nach Drehschluss im Ärger auseinandergehen ließ.

Sentenza: Wenn ich einen suche, pflege ich ihn zu finden. Dafür werde ich bezahlt!

Dem Film aber tat Eastwoods teuer erkaufte Anwesenheit gut, bildete er doch weiterhin den Grundstein der Charakterkonstellation. Seine Rolle hatte mittlerweile einen ikonischen Status erreicht, sodass der Film ohne hin kaum funktioniert hätte; und das, obwohl seine Rolle etwas Screentime abgeben muss. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass Leone (beim Drehbuch wie so häufig mit zahlreicher Unterstützung) der ansonsten sehr unkontinuierlichen Reihe ein wenig Struktur gibt, indem er die Zahl der Hauptrollen ein weiteres Mal um einen Charakter anhebt. So findet natürlich auch wieder Lee Van Cleef seinen Platz, der schon in den ersten Minuten wieder den über den Dingen stehenden Revolverhelden mimt. Beide Rollen müssen sich dabei jedoch wieder etwas verändern, um einem dritten Charakter Platz zu machen. Dafür wird Eastwoods Blonder endgültig zum Guten – soweit das in diesem Genre möglich ist – und Lee Van Cleefs Sentenza besetzt die Seite der bösen Niedertracht. Dazwischen respektive daneben findet nun Eli Wallach Platz, der als exzentrischer Mexikaner die Runde großartig erweitert.
Leone lässt Wallach in der Folge genug Zeit, seine Rolle vollends auszuarbeiten, was von diesem auch mit Bravour getan wird. Schon nach 30 Minuten ist Tuco den beiden Alteingesessenen ebenbürtig und komplettiert die ungleiche Gemeinschaft in Perfektion. Wallach spielt dabei geradezu begnadet und wäre sicherlich auch in der Lage gewesen, den Film alleine zu tragen; aber mit Eastwood und Van Cleef an seiner Seite entsteht ein Dreigestirn, wie es die Filmwelt nur selten gesehen hat. Jedem Charakter bleibt genug Raum sich zu entfalten, jeder ist ebenso charaktertief wie interessant. Eastwoods später Griff zum Poncho stellt übrigens einen der wenigen Anhaltspunkte dafür dar, dass der Film als Prequel konzipiert war, aber das nur nebenbei.

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Diese drei grandiosen Darsteller werden dann von Sergio Leone unvergleichbar ins Bild gefasst. Nach seinen zwei Erfolgen ist sich Leone mittlerweile seines Inszenierungsstils vollkommen sicher und breitet seine Szenen dementsprechend noch mehr aus. Eigentlich hätte der Film auch eine Laufzeit von vier Stunden haben sollen, aber die Verleiher wollen eine zweistündige Fassung. Das Ergebnis war dann die italienische Fassung, die drei Stunden Filmerlebnis bot.
Und was für ein Erlebnis sie bot (und bietet). Einzelne Szenen erstrecken sich teilweise wortlos über Minuten und bauen in dieser Zeit eine gerade greifbare Spannung auf. Enorme Weitwinkelaufnahmen wechseln unverhofft zu extremen Nahaufnahmen, das Spiel aus Entfernung und Nähe ist Leone mittlerweile ins Blut übergegangen. Immer und immer wieder erhalten die Rollen die Möglichkeit, sich in Close-ups zu präsentieren, immer wieder erhält der Zuschauer die Möglichkeit riesige Szenarien zu überblicken. Dieses Wechselspiel fasziniert und lässt die drei Stunden Spielzeit wie im Flug vergeben.
Aber auch die inhaltlichen Aspekte überzeugen vollends. Die Geschichte erhebt sich aus den räumlich begrenzten Ortschaften der Vorgänger und taucht in den amerikanischen Bürgerkrieg ein. So erhalten die Geschehnisse eine historische Einordnung, die ihnen – auch wenn sie den geschichtlichen Kontext nicht direkt betreffen oder beeinflussen – eine größere Relevanz zu Teil werden lässt. Da kann man fast übersehen, dass die eigentliche Geschichte fast minimalistischer angelegt ist als die der ersten beiden Teile. Was alle drei Filme aber gemein haben ist, dass der Zuschauer stets auf der Seite der Verruchten steht. Selbst wenn man all seinen Sympathien dem Blonden zukommen lässt, bleibt man immer noch auf der Seite eines betrügenden und mordenden Außenseiters. Die beiden übrigen Rollen stehen noch weiter auf der dunklen Seite.

Tuco: Wir wollen Soldaten werden, General!
Captain: Dann lerne erst mal die Dienstgrade zu unterscheiden. Ich bin Captain!

Das wird auch durch die visuelle Gewalt deutlich, derer sich Leone nicht schämt, die er ganz im Gegenteil sogar noch mehr darstellt als in seinen bisherigen Filmen. Vor allem wenn Sentenza Tuco foltern lässt, kommt es zu einigen Szenen, die großen Einfluss auf das gesamte Genre haben sollten. Gewalt wird hier zwar nicht selbstzweckhaft, aber doch sehr präsent gezeigt, was vielen Nachahmern als beste Möglichkeit erschien, dem Original nahe zu kommen. Zusammen mit der großen Anzahl an kaltblütigen Morden bzw. deren offen zur Schau gestellter Belanglosigkeit, bekommt der Film eine teilweise äußerst dunkle Seite.
Die jedoch stets im rechten Augenblick von den ebenso zahlreichen komödiantischen Momenten wieder aufgebrochen wird. Immer wieder sind es vor allem Eastwood und Wallach, die mit kurzen Kommentaren dafür sorgen, dass die Geschehnisse ihren Schrecken verlieren. Teilweise rückt der Film sogar sehr in die Nähe der Komödie, um dann wiederum durch härtere Szenen zurückgehalten zu werden. Dieses Wechselspiel von Humor, Ernst und Härte – nicht immer, aber häufig durch die verschiedenen Rollen vertreten – ist ebenfalls eines der zentralen Merkmale dieses Films.

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Und wenn wir schon von zentralen Merkmalen reden, dann muss natürlich auch Ennio Morricone Erwähnung finden, der selbstredend auch zu diesem Film den Soundtrack beisteuerte. Und wenn der Schulfreund von Leone schon mit seinen Arbeiten für FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR und FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR Stürme der Begeisterung hervorrief, dann ist kaum zu erahnen, was 1966 in den Kinosälen passiert sein muss. Morricones Hauptthema für diesen Film stellt wohl eines der bekanntesten und meistreferierten Stücke der Filmgeschichte dar und erfreut sich bis heute ungebrochener Beliebtheit. Aus wenigen Tönen bestehend schafft es das Thema alle Gefühle und Eindrücke in sich zu versammeln. Dazu kommt wieder einmal die Arbeit mit unzähligen Soundeffekten, die im Nachhinein über die Produktion gelegt wurden. So war es Morricone möglich, alle Geräusche so laut oder leise im Film vorkommen zu lassen, wie es ihm beliebte. So werden ein simples Stiefelscharren oder das Klicken eines Revolvers zu ohrenbetäubenden Klängen, was den Film stellenweise geradezu artifiziell erscheinen lässt. Darüber hinaus arbeiten Bild und Ton bei diesem Film so eng zusammen wie nur selten. Klang und Optik vereinen sich vielfach zu einem Gesamtwerk, dass vor allem in den finalen Momenten eine nicht in Worte zu fassende Atmosphäre schafft.

Der Blonde: Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen haben einen geladenen Revolver und die anderen buddeln …

Mit diesem Meisterwerk beendete Leone dann seine Dollar-Trilogie, auch wenn es diverse Interviews gibt die bezeugen, dass der Drehbuchautor Luciano Vincenzoni bereits am Script zu einem weiteren Teil der Reihe arbeitete. Und Leone tat gut daran, dem Film keinen Nachfolger mehr zu schenken, schuf er doch mit ZWEI GLORREICHE HALUNKEN (der deutsche Titel stellt im Übrigen eine der skurrilsten Schöpfungen der deutsche Titeltexterzunft dar) einen der, wenn nicht den maßgeblichsten Italowestern aller Zeiten. Bis heute setzt die Filmkritik den Streifen fast einhellig auf den Thron des Genres, ein Platz unter den ersten Drei ist ihm zumindest allerorten sicher. Unzählige Nachahmer versuchen sich an diesem Film, scheiterten jedoch in der überwiegenden Mehrzahl an fast allen Elementen, die Leone und seine Crew konstituierten. Der Film, der Titel, die Musik gingen in die Popkultur ein und werden auch heute noch ebenso zahl- wie varietätenreich zitiert.
Und wenn Sentenza, Tuco und der Blonde sich im Zentrum des Wüstenfriedhofs gegenüberstehen, um nach drei Stunden Spielzeit die Entscheidung herbeizuführen, wenn Morricones Musik dröhnt und Leone jede Schweißperle auf den verzerrten Gesichtern der Protagonisten einfängt, dann kann man sich als Betrachter dieser unsterblichen Szene sicher sein, dass man gerade einem der absoluten Höhepunkte des Italowestern bewohnt.

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Leones grandioser Abschluss der Dollar-Trilogie bietet alles, was ein Italowestern haben muss: Großartige Musik, eine perfekte Inszenierung, drei brillante Charaktere und ein unvergleichliches Wechselspiel von Komik, Härte und Dramatik. Und ja, dieser Film hat diese Superlative allesamt verdient.

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