FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR

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Für ein paar Dollar mehr
Per cualche dollaro in più | Deutschland/Frankreich/Italien/Spanien | 1965
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Monco (Clint Eastwood) und Colonel Mortimer (Lee van Cleef) sind beide Kopfgeldjäger, die es auf den äußerst gefährlichen Banditen Indio (Gian Maria Volontè) abgesehen haben. Schnell müssen die beiden ungleichen Revolverhelden jedoch feststellen, dass sie nur gemeinsam eine Chance haben, den exzentrischen Bandenchef zur Strecke zu bringen.

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1964 schlug FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR ein wie eine Bombe und begründete ein neues Genre, das das europäische Kino im Allgemeinen prägen, und für das italienische unerlässlich werden sollte. Der neue Stereotyp der Westernhelden, verrucht und ohne die klassische Heldenaura des US-amerikanischen Pendants, wurde von Clint Eastwood derart definiert, dass es in der Folge kaum einen Italowestern ohne rauchenden, bärtigen Revolverhelden gab. Da war es nur logisch, dass Leone sich gleich nach diesem unglaublichen Erfolg daran begab, einen weiteren Italowestern anzufertigen. Vergessen waren seine rund zehn Jahre als Regieassistent, in denen er hauptsächlich bei Monumentalfilmen mitwirkte, Leone hatte sich nun voll und ganz dem italienischen Western verschrieben.

Monco: Wohin?
Indio: Nach Norden!
Monco: Nach Norden. Zum Canyon des Rio Bravo?
Indio: Na und?
Monco: Gerade richtig für einen, der in der Falle sitzen möchte!
Indio: Kennst du einen besseren Weg?
Monco: Ja, den nach Süden.
Indio: Den zur Grenze?
Monco: Wer denkt schon, dass du jetzt über die Grenze gehst, jetzt, wo alles alarmiert ist …
Indio: Ja, also reiten wir nach Osten!

Nun musste natürlich eine neue Geschichte her, und da von vornherein fest stand, dass Clint Eastwood wieder die Hauptrolle übernehmen sollte, stellte sich nun die Frage, wie man die Geschichte aus FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR fortführen könnte. Leone entschied sich jedoch dafür, die formal zwar offene, aber in sich logisch geschlossene Geschichte des Vorgängers unangetastet zu lassen, und stattdessen nur die Rollenmerkmale des Charakters Joe zu nutzen. So ist es dann zu erklären, dass Eastwood dieselbe Rolle spielt, ohne jedoch den gleichen Charakter zu mimen. Eine weise Entscheidung, die vor allem dafür sorgt, dass die magische Abstinenz jedes Hintergrundes (den inoffiziellen Prolog einmal außer Acht gelassen) des Charakters Joe erhalten bleibt. Trotzdem wird den Fans aber die bekannte Rolle geboten, die Eastwood wieder einmal grandios auf den Punkt bringt. Allerdings wird er dabei zu mehr Dialog gezwungen, denn ihm zur Seite steht diesmal Lee van Cleef als emeritierter Colonel Mortimer. Ebenso zielgenau und abgebrüht wie Monco, übertrifft Mortimer diesen noch an Raffinesse und Voraussicht. Eine Situation, die ein wenig am unbesiegbaren Image von Eastwoods Rolle zu kratzen vermag.

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Diese neue Figuren Konstellation verkehrt die Situation des Vorgängers dann ins Gegenteil; aus einem Kopfgeldjäger, der sich zweier Banden annimmt, werden nun zwei Kopfgeldjäger, die sich einem noch böseren Banditen gegenübersehen. Dieser hört auf den Namen Indio und wird ein weiteres Mal von Gian Maria Volontè gespielt. Dieser hatte im Erstling schon die Rolle des Bösewichts Ramón gemimt und baute seine seinerzeit schon tragische Spielweise hier noch weiter aus. Aus dem Theater kommend kennt Volontè kaum Grenze und spielte sich manchmal derart in Rage, dass Leone in mitunter stundenlang vor sich hin schauspielern ließ, um seine überschäumende Emotion abzuflachen. Nicht nur einmal kommt es zwischen den beiden zum Streit, doch das Ergebnis weiß zu beeindrucken. Indio wankt ständig an der Grenze zum Wahnsinn entlang und stellt so einen würdigen, da unberechenbaren Widersacher der beiden Guten dar. Wobei das Prädikat „Gut“ wiederum nur bedingt zu vergeben ist, verfolgen doch sowohl Monco als auch Mortimer niedere Ziele. Die Motivation des Letzteren wird zwar am Ende noch nachvollziehbar, bleibt aber zweifelhaft. Neben Eastwood und Volontè tauchen im Übrigen noch zahlreich andere Darsteller wieder auf, Leone setzte hier augenscheinlich auf Bewährtes.

Monco: Vielleicht ist die Frage indiskret …
Mortimer: Nein. Fragen, die sind nie indiskret, die Antworten sind es … manchmal …

Selbiges gilt auch für die Musik, für die natürlich wieder Ennio Morricone verantwortlich zeichnet. Mehr noch als im Erstling schafft es Morricone, das Geschehen im Klang zu verarbeiten, zu rezipieren und zu unterstützen. Das ähnliche, aber doch eigenständige neue Thema kommt etwas flotter daher, versteht es jedoch ebenso, ruhige und ausdauernde Phasen zu durchstehen. Gerade in Anbetracht der deutlich gestiegenen Laufzeit des Films keine allzu leichte Übung. Auffällig sind des Weiteren die humorvollen Klangelemente, die sich Morricone hier und da erlaubt. Immer wenn Mortimer sein Sammelsurium an Waffen auspackt oder nach vollbrachter Tat wieder verstaut, gibt es ein prägnantes, geradezu neckisches Geräusch zu hören, dass die Situation konterkariert. Derlei Spielereien gibt es vermehrt, was die ohnehin wieder einmal der Realität enthobene Akustik weiter bereichert.
Die erwähnte Waffensammlung ist übrigens ebenfalls ein markantes Merkmal, welches in der Folge ebenfalls ein zentrales Motiv des aufkeimenden Genres werden sollte. Der ehemalige Militärangehörige führt diverse Schießeisen mit sich, welche er bei Bedarf mit allerlei Zusätzen versieht, um die Leistung zu steigern. Diese Technisierung des Wilden Westens rief sowohl bei Fans, als auch Filmern große Resonanz hervor und solle in der Folge Teil dieses Genres werden.

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Gleiches gilt für die teilweise groteske Überzeichnung mancher Szenen, die sich Leone immer wieder erlaubt. Exemplarisch sei das Duell zwischen den beiden Helden herausgegriffen, in dem Mortimer Moncos Hut mithilfe von Revolverschüssen mehrfach in der Luft hält. Diese und ähnlich kuriose Szenen entheben den Film eines realistischen Settings und zerstören die Grenzen des Möglichen. Diese Fähigkeiten der Revolverhelden wirken unbegrenzt, nichts scheint unmöglich. Trotzdem driftet der Film aber nicht in Albernheiten ab, sondern wahrt einen ernsten Stil. Ein Umstand, der in Anbetracht der eben erwähnten Szenen nahezu unmöglich scheint.
Seine wieder einmal großartige Inszenierung erweitert Leone übrigens um zahlreiche sakrale Motive, die über den ganzen Film verstreut vorkommen. Ob Predigt oder Abendmahl, ständig finden sich kirchliche Elemente, die jedoch stets in Zusammenhang mit dem Bösen gezeigt werden und als solche nicht gut wegkommen. In diesem Umstand lässt sich unter anderem Leones gesteigertes Selbstvertrauen erkennen. Nach dem Erfolg von FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR ist er sich seines Könnens bewusst und lebt seinen ohnehin sehr eigenen Inszenierungsstil jetzt voll aus. Die bekannten Nahaufnahmen von Gesichtern werden stellenweise um Hintergrundgeschehen erweitert, bleiben aber ebenso häufig wieder reiner – grandios eingestreuter – Selbstzweck. Keine Einstellung wirkt überflüssig, alles ist durchdacht und stimmig.

Typ: Um was spielen wir eigentlich?
Monco: Um die Haut!

In Verbindung mit Morricones meisterlicher Musik und dem perfekten Zusammenspiel von Eastwood und van Cleef schafft es der Streifen somit, den Vorgänger in Sachen Spannung und Abwechslung noch zu übertreffen. Damit sei keineswegs das Renommee dieses Grundsteins geschmälert, sondern viel mehr Leone gelobt, der es schafft, dass bekannte Sujet so zu erweitern, dass der Zuschauer von jeder Redundanz verschont bleibt und stattdessen ein erweiterte Interpretation zu sehen bekommt. Diese unterhält uneingeschränkt und definiert das vom Vorgänger begründete Genre des Italowesterns weiter aus. Dass Leone diese Entwicklung dann mit dem Abschluss der Dollar-Trilogie ZWEI GLORREICHE HALUNKEN (1966) noch fortsetzen konnte, beweist, was für ein Ausnahme-Filmemacher er ist. Obwohl das zu beweisen eigentlich schon FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR vollends gelingt …

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Leone übertrifft den großartigen Vorgänger noch und definiert das von ihm geschaffene Genre weiter aus. Eastwood, van Cleef und Volontè begeistern ebenso wie Morricones Soundtrack und sorgen somit dafür, dass dieser Streifen eines der grandiosesten Italowestern-Erlebnisse darstellt, den man sich als Zuschauer gegenüber sehen kann.

13 Antworten zu “FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR

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