DIE RACHE DER KANNIBALEN

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Die Rache der Kannibalen
Cannibal Ferox | Italien | 1981
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Gary (Danilo Mattei) ist mit seiner Schwester Dina (Lorraine De Selle) und der freizügigen Pat (Zora Kerova) im kolumbianischen Amazonasgebiet unterwegs, um die These von Dina Doktorarbeit, es gäbe keinen Kannibalismus, zu verifizieren. Kaum im Dschungel angekommen treffen die drei auf den durchgeknallten Mike Logan (Giovanni Lombardo Radice) der behauptet, ein Dorf voll ebensolcher Menschfresser zu kennen. Sein schwerverletzter Freunde scheint Beweis genug zu sein, doch die Truppe stellt weitere Nachforschungen an.

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Umberto Lenzi hat fast jedes erdenkliche Feld des italienischen Genrekinos beackert. Vor allem in Sachen Polizeifilm und Giallo hat er dabei durchaus beachtenswerte Werke abgeliefert. Dem gegenüber stehen allerdings auch Beiträge zu den Stilrichtungen Italo-Western und Zombiefilm, die nicht immer überzeugen konnten. 1972 begründete er dann mit dem durchaus unterhaltsamen MONDO CANNIBALE das äußerst umstrittene Genre des Kannibalenfilms; wobei jedoch anzumerken ist, dass es sich bei dem genannten Streifen eher um eine Abenteuergeschichte handelt, als um ein übermäßig blutrünstiges Machwerk. Diese Titulierung trifft dann schon eher auf LEBENDIG GEFRESSEN (1980) zu, Lenzis zweiten Abstecher in die menschenverspeisenden Filmgefilde. Hier geht der soziologisch interessante Grundgedanke von MONDO CANNIBALE bereits verloren und wird durch ausufernde Brutalitäten und viel nackte Haut ersetzt.

Dina: Eine verfaulte Papaya, weißt du was das bedeutet?
Gary: Ja, das bedeutet Unglück!

Im selben Jahr sollte Ruggero Deodato das Genre dann mit NACKT UND ZERFLEISCHT derart definieren, dass eine weitere Auseinandersetzung damit eigentlich unnötig erschien. Nichtsdestotrotz setzte Lenzi ein Jahr später noch einmal an, um seinen dritten und letzten Beitrag zu realisieren. In Sachen Drehbuch ließ er sich dabei augenscheinlich deutlich von Deodatos Instant-Klassiker inspirieren und versucht ebenfalls, eine zivilisationskritische Geschichte zusammenzubasteln, die die kultivierten Eindringlinge als eigentliche Monster offenlegt. Doch während es dem Vorbild durchaus gelingt, diese Vorhanden umzusetzen und die angeblich Zivilisierten als Urheber der Grausamkeiten zu definieren, scheitert Lenzi auf ganzer Linie.
Schon in den ersten Minuten wird klar, dass hier nur ein Vorwand für eine Unzahl an Grausamkeiten gesucht wird, allerdings kein weitergehendes Interesse an dem Sujet besteht. Das erstaunt vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Lenzi selbst diesem Anspruch in MONDO CANNIBALE deutlich besser gerecht wurde. Dass dann noch runde 15 Minuten mit Hilfe eines in New York ablaufenden Nebenstrangs gefüllt werden, belegt noch mal, dass es dem Films deutlich an Inhalt fehlt.

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Das macht es dann den Mimen auch entsprechend schwer, eine ordentliche Leistung abzurufen. Einzig Giovanni Lombardo Radice kann einigermaßen überzeugen, spielt er seine Rolle doch mit den aus ASPHALT-KANNIBALEN (1980) und EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (1980) bekannten manischen Verrücktheiten. Aber auch hier macht es sich unangenehm bemerkbar, dass der Rolle jeglicher Hintergrund fehlte, der dieses exzessive Verhalten erklären könnte. Die übrigen Darsteller überlassen Radice dann auch weitestgehend das Feld, einzig Zora Kerova bleibt mit ihrer Freizügigkeit im Gedächtnis.

Mike: Und nichts nebenbei?
Pat: Hin und wieder, wenn so’n Mittfünfziger merkte, dass sich in seiner Hose noch was rührt …
Mike: Das ist doch ein Klacks für dich!
Pat: Sollte man meinen, aber meistens haben sie mich fertig gemacht. Weniger mit dem Bumsen, als mit ihrem ewigen Gequatsche von ihrer eigenen Frau und von ihrer Steuererklärung …

Was dem Film trotz dieser eklatanten Mängel dann einiges an Renommee einbrachte sind natürlich die ausufernden Gewaltszenen. Ständig huschen äußerst brutale Darstellungen durchs Bild, sodass es äußerst beschwerlich wird, darin etwas anderes als Selbstzweck zu sehen. Dem Genrestandard entsprechend fallen die Effekte überwiegend sehr realistisch aus, was den Härtegrad noch einmal steigert. Tabus gibt es dabei fast keine, was den Film unter Gorehounds natürlich genauso zu einer Legende machte wie innerhalb der BPjM, die den Streifen umgehend indizierte und beschlagnahmte. Dazu beigetragen haben dürften im Übrigen auch die zahlreichen Tiersnuff-Szenen, denen man sich als Zuschauer gegenübersieht. Diese leider genretypische Unart kommt gleich mehrfach vor und sollte – wie gewohnt – weiträumig umspult werden. Ein großes Lob muss an dieser Stelle an das österreichische Label XT-Video gehen, die im Jahre 2010 eine Animal-Cruelty-Free-Version des Films veröffentlichten. Hut ab und absolute Nachahmepflicht! Die zahlreichen Gewalttaten wurden dann von der Abteilung Marketing dazu genutzt, den Film als brutalsten Film aller Zeiten, der angeblich in 31 Ländern verboten sei, zu bewerben; einer Behauptung, die der Fantasie der Werbetexter entsprang.

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Auf der Habenseite muss dann aber der Soundtrack von Roberto Donati und Fiamma Maglione erwähnt werden. Und obwohl auch dieser den direkten Vergleich mit NACKT UND ZERFLEISCHT verliert, stellt er doch einen der Höhepunkte dieses Films dar. Das ist zwar nicht viel, aber besser als nichts. Der Vergleich zu Deodatos Film lässt sich übrigens noch an Dutzenden anderen Beispielen (nicht zuletzt dem Versuch, eine ähnlich ikonische Todesart wie Deodatos Pfählung zu präsentieren) darlegen und belegt ein letztes Mal die Inspirationslosigkeit von Lenzi Werk.
Immerhin muss man dem alten Umberto aber zu Gute halten, dass er im Nachhinein mehrfach bekundete, dass er dem Genre weder sonderlich zugetan war, noch seine Beiträge als gute oder sehenswerte Filme einordnet. Stattdessen handelt es sich vielmehr um eine finanziell begründbare Zwangshochzeit, die den Film zwar nicht besser macht, aber Lenzis Motivation ihn zu drehen eventuell nachvollziehbarer werden lässt.

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Lenzis dritter Kannibalenstreich stellt einen inspirationslosen Abklatsch von Deodatos Klassiker dar, der zu keiner Sekunde unterhalten oder per Inhalt schockieren kann. Dafür gibt es massig Brutalitäten und Geschmacklosigkeiten, die ohne Sinn aneinandergereiht (und mit ekligem Tiersnuff zusätzlich vermiest) schlicht für Langeweile sorgen.

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