VIDEODROME

videodrome

Videodrome
Videodrome | Kanada | 1983
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Max Renn (James Woods) ist der Präsident eines kleinen TV-Senders, der sich vor allem mit Gewalt und Pornographie über Wasser hält. Eines Tages zeigt ihm sein Gehilfe Harlan (Peter Dvorsky) ein Videoband, auf dem augenscheinlich reale Folterungen zu sehen sind. Noch während Renn zu dem Schluss kommt, dass das genau das richtige für seinen Sender wäre, stellt er fest, dass er vermehrt unter Halluzinationen leidet.

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Bereits im 1981 erschienen SCANNERS – IHRE GEDANKEN KÖNNEN TÖTEN ließ der kanadische Filmemacher David Cronenberg – neben seinem mittlerweile etablierten Bodyhorror – ein deutliches Interesse für die Verbindung von Mensch und Maschine erkennen. Was dort allerdings noch einen Nebenstrang darstellte, sollte zwei Jahre später die Basis für einen von Cronenbergs wichtigsten und kontroversesten Filmen legen. Als Produzent fungierte ein weiteres Mal ein Team um Pierre David, der schon zuvor mit Cronenberg gearbeitet hatte. Während der Dreharbeiten stieg dann auch Universal Pictures mit ein, sodass sich das Budget letztlich auf beachtliche 6 Mio. US-Dollar belief. Das ließ Cronenberg dann genug Spielraum, um seine Vision einer vollkommenen Verschmelzung von Mensch, TV und Maschine wahr werden zu lassen.

Moderatorin: Max Renn, also Ihre Fernsehstation bietet den Zuschauern einfach alles, von Softcore-Pornographie bis zur Gewalt. Warum?
Max: Weil wir uns wirtschaftlich behaupten müssen, wir sind klein. Und aus Gründen des Überlebens müssen wir den Leuten zeigen, was sie sonst nicht sehen. Und das tun wir!

Das Script zum Film erweist sich dann als äußerst verworren. Bei nüchterner Betrachtung muss man dem Film zahlreiche Handlungslücken attestieren, was allerdings die wahren Werte des Buchs außer Acht lassen würde. Denn nachdem die ersten fünf Minuten vergangen sind, ist ohnehin kaum noch klar, was Realität und was Halluzination ist. Man kann gar Max‘ ersten Kontakt mit Videodrome als Beginn der Realitätsverschiebungen konstatieren und wäre somit gezwungen, den ganzen Film als Wahnvorstellung zu betrachten. Ein anderer Ansatzpunkt ist das konkrete Unterscheiden zwischen Vision und Wirklichkeit, was allerdings schnell unmöglich wird, da Cronenberg diese Ebenen ganz bewusst durchmischt. Nicht nur bildsprachlich, sondern auch inhaltlich lassen sich unzählige Ansatzpunkte finden, die jeweils verschiedene Schlüsse zulassen. Das macht den Film zwar nicht einfach, aber ungemein spannend. Die (filmischen) Regeln dessen, was passieren kann, werden oft vollends aufgehoben.

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Neben diesen Formalia stellt die Wahl des Mediums Fernsehen bzw. der VHS-Kassette den zweiten großen Kniff des Films dar. Teilweise visionär, zumindest aber sehr vorausblickend, zeichnet Cronenberg ein Bild von TV-Abhängigen, die in TV-Missionen Zuflucht und die tägliche Dosis Geflimmer finden. Professor O’Blivion wird zum ambivalenten Kritiker sowie Verbreiter des Mediums, lebendige Videokassetten tun ihr Übriges.
All das bietet natürlich äußerst vielseitige Interpretationsansätze, wobei man allerdings vermeiden sollte, den Augenscheinlichsten zu wählen. Die zeitgenössische Kritik tat aber genau das und warf dem Film somit vor, Gewalt und Pornographie in den Medien einerseits zu kritisieren, sich aber andererseits genau dieser Mittel zu bedienen. Nun hat nicht nur der Regisseur selber schon mehrfach bezeugt, dass das mitnichten seine Intention war, sondern eine etwas genauere Auseinandersetzung mit dem Thema stellt diese Herangehensweise auch als unsinnig bloß. So sagt Sonja Smits als Bianca O’Blivion in einer Szene, dass auch ein Standbild in der Lage wäre, die schreckliche Wirkung von Videodrome zu transportieren. Allein dieser Satz bestätigt, dass es kaum um die Wirkung von Gewalt gehen kann, sondern um das TV-Signal als solches. Dessen Einfluss auf den Menschen ist – unabhängig vom Inhalt – Thema des Films. Das Signal als solches konstituiert eine neue Realität, die den Menschen zu Taten und Ansichten drängt, die er selber kaum zu kontrollieren vermag. Sich bloß auf die Gewalt zu versteifen geht glatt am Thema vorbei.

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Wem das nicht genügt, der muss dem Macher des Films nur wenige Minuten Gehör schenken, um darüber aufgeklärt zu werden, dass die Verschmelzung von Mensch und Maschine ebenfalls im Zentrum des Films steht. Ikonische Momente wie das Einführen von Waffen und Kassetten ein einen vaginal anmutenden Bauchschlitz machen das mehr als deutlich, aber auch viele subtilere Momente geben darüber Auskunft. Vor allem das Motiv der organischen, später sogar mit dem Menschen verwachsenen Waffe – Cronenberg greift das auch später in EXISTENZ (1999) noch einmal auf – wird hier zelebriert und lässt mannigfaltige Schlüsse zu. Neben diesen zwei Hauptkomplexen gibt es noch unzählige weitere Themata, die Reduzierung auf Gewalt und Sex wird dem Film schlicht nicht gerecht.

Niki: Was ist das hier, Videodrome?
Max: Folter und Mord.
Niki: Klingt fantastisch!
Max: Ist nicht gerade Sex.
Niki: Ansichtssache …

Innerhalb dieser Geschichte präsentiert James Woods einen zwischen Hilflosigkeit und Lust schwankenden Hauptcharakter. Neben der Angst vor den Halluzinationen erkennt man auch deutlich seine Begierde, die sich schon bei der Betrachtung der Videobänder zeigt. ‚Blondie‘-Sängerin Deborah Harry überspitzt diese Position noch, indem ihr die Angst fast völlig abgeht. Zu tiefst masochistisch ist sie de facto bereit, sich in die Fänge der Videodrome-Produzenten zu stürzen; immer vorausgesetzt, dass die Szenen mit Harry überhaupt real sind, ja das es sie überhaupt gibt.

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Wie für Cronenberg-Filme dieser Phase typisch, arbeitet der Film mit sehr expliziten Aufnahmen von Körperlichkeit und Gewalt. Für die Tricktechnik zeichnet dabei niemand anders als Rick Baker verantwortlich, der, nachdem er seine Karriere mit OCTAMAN – DIE BESTIE AUS DER TIEFE (1971) begonnen hatte, unter anderem an KRIEG DER STERNE (1977) und AMERICAN WEREWOLF (1981) mitarbeitete. Dieser entwickelte dann wundervolle Einstellungen von organischen TV-Geräten und -Kassetten, die dem Film einen sehr eigenen visuellen Stil geben. Auch aber blutigere Sequenzen gibt es zu sehen, die im Finale dann sehr hart ausfallen. Zusammen mit einigen erotischen Momenten war das der amerikanischen MPAA natürlich zu viel, so dass der Streifen für ein wirtschaftlich nötiges R-Rating etwas gekürzt werden musste. Auch rächte sich nun der Einstieg von Universal, da deren Chef Robert Rehme sich dafür einsetzte, dass die Szenen mit dem Dildo herausgenommen wurde; mit Sicherheit etwas, dass Cronenberg in seiner Haltung den Majors gegenüber bestätigte.

Max Renn: Lang lebe das neue Fleisch!

Nach ersten Testvorführungen einer Fassung die lediglich runde 75 Minuten auf die Waage brachte war das Publikum übrigens derart verwirrt, dass Cronenberg den Film um knapp 15 Minuten verlängerte, um ein grundlegendes Verständnis sicherzustellen. Ohne Erfolg, wie wir im Nachhinein wissen, denn der Film fiel an den Kinokassen ins Wasser. Ob es an den negativen Kritiken oder am fehlenden Verständnis der Kinogänger lag, lässt sich nur schwer erschließen, fest steht jedenfalls, dass ein intelligenter und wichtiger Film nicht die Anerkennung erhielt, die er verdiente. Erst über die Jahre hinweg reifte der Film – und vermutlich auch das Publikum. Aus heutiger Sicht betrachtet ist der ebenso vorausahnende wie bildgewaltige Film mit Sicherheit eines von Cronenbergs zentralen Werken, finden sich hier doch sämtlich Motive der seiner ersten Schaffensphase vereint.

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Optische und inszenatorische Perfektion umgeben hier ein Drehbuch voller Parabeln und Vorahnungen. Was Cronenberg hier anstößt ist heute relevanter als je zuvor, weshalb man diesen Film gar nicht hoch genug bewerten kann. Das eines von seinen wichtigsten Werken erst langsam die Aufmerksamkeit erfährt, die es schon lange verdient, ist dabei ebenso verstörend wie der Film an sich.

7 Antworten zu “VIDEODROME

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