SCANNERS – IHRE GEDANKEN KÖNNEN TÖTEN

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Scanners – Ihre Gedanken können töten
Scanners | Kanada | 1981
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Es gibt auf der Welt telepathisch begabte Menschen, die man Scanner nennt. Die Firma ConSec untersucht diese unter Leitung von Dr. Paul Ruth (Patrick McGoohan). Doch nach einem schrecklichen Unglück muss man bei ConSec feststellen, dass es eine Untergrundbewegung von Scannern unter der Leitung von Darryl Revok (Michael Ironside) gibt. Um diese Bewegung an der Umsetzung ihrer finsteren Pläne zu hindern arbeitet Ruth in der Folge mit dem außerordentlich begabten Scanner Cameron Vale (Stephen Lack) zusammen.

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Mit PARASITEN-MÖRDER (1975), RABID – DER BRÜLLENDE TOD (1977) und DIE BRUT (1979) hatte sich der Kanadier David Cronenberg zu einem ebenso angesehenen wie vieldiskutierten Mitglied der international beachteten Filmemacherschaft aufgeschwungen. Mittlerweile zeigten auch größere Studios Interesse an den Arbeiten des unkonventionellen Kanadiers und wollten ihn mit großen Angeboten in ihre Fänge locken. Doch Cronenberg widerstand der Versuchung des Geldes und wahrte sich so die kreative Freiheit, ohne die er die Umsetzung seiner Ideen gefährdet sah.
Dementsprechend war es auch nicht einfach, 1979 eine ausreichende Menge an Geld für seine neue Idee zu finden. Glücklicherweise traf Cronenberg auf den Produzenten Pierre David, der rund 4 Mio. US$ an privaten Anlagen aufgrund vertraglicher Zwänge nutzen musste. Da bot es sich doch, mit der Kohle den nächsten Cronenberg-Reißer zu finanzieren, hatten doch die vorherigen Filme neben zahlreichen Kontroversen auch immer positive Bilanzen hinterlassen.

ConSec-Vorstand: Gestern Abend wollten wir von ConSec der Öffentlichkeit etwas offenbaren, wir wollten endlich diese telepathische Kuriosität ergründen, die man Scannen nennt. Mit dem Ergebnis: Sechs Tote!

Von diesem Zeitpunkt an wurde der Film mit der heißen Nadel gestrickt. Sowohl die Darstellerliste als auch das die gesamte Vorproduktion wurden innerhalb weniger Wochen zusammengebastelt und sollten somit zu Vorboten einer äußerst stressigen und komplizierten Produktion werden. Im Nachhinein erwähnte Cronenberg bereits des Öfteren, dass die Dreharbeiten zu SCANNERS zu den schwierigsten seines Lebens zählten.
Immerhin war die Arbeit am Script eine überschaubare, hatte der gute David doch schon seit den frühen 70’er Jahren ein Buch namens The Sensitives in der Schublade liegen. Einen frühen Entwurf reichte Cronenberg übrigens unter dem Namen Telepathy 2000 an B-Maestro Roger Corman, der das Projekt allerdings nicht finanzieren wollte. Das alles sorgte allerdings dafür, dass zum relativ spontanen Drehbeginn ein quasi fertiges Script bereitlag; kleinere Ausbesserungen und Überarbeitungen nahm Cronenberg am Morgen des jeweiligen Drehtages vor.

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Das Drehbuch ist dann voller Ideen, die wieder einmal eine große Palette an Themen abdecken. Wie in seinen vorherigen Filmen lässt Cronenberg sich nicht auf ein Thema fixieren, sondern tangiert, von einem Grundthema ausgehend, allerlei Verschiedenes. Der von ihm etablierte Bodyhorror findet natürlich wieder seinen Platz, muss allerdings ein wenig zur Seite rucken, um Raum für tiefgreifende Überlegungen zur menschlichen Psyche zu schaffen. Dabei ist vor allem das Motiv der Angst und des Kontrollverlustes allgegenwärtig. Beide Parteien – Scanners und normale Menschen – haben Angst voreinander, die Scanner gar vor sich selbst. Des Weiteren nähert sich Cronenberg hier erstmals dem Thema Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Was später in EXISTENZ (1999) einen ganzen Spielfilm füllen sollte, wird hier bereits in den Grundzügen konstituiert; es wird gar behauptet, die Form menschlichen und maschinellen Denkens sei ein und dieselbe. Diesem Grundthema werden dann noch viel weitere Themabereiche untergeordnet, so dass einem ein teilweise nur schwer zu überblickender Wust an Ideen und Meinungen gegenübersteht. Was für den einen interessant und diskussionsfördernd wirken mag, vermag andere hingegen zu verschrecken und sorgt dafür, dass der Streifen mancherorts als zu theoretisch und langatmig abgetan wird. So Jenny Urs im Spiegel vom 09.03.1981:

Zwar wartet er mit einer nur allzu komplizierten, allzu wichtigtuerischen Intrigengeschichte auf, in der mal wieder mächtig um Wohl und Wehe der Menschheit als ganzer gerungen wird. Wenn aber der gute und der böse „Scanner“ mit kochenden Augäpfeln und platzenden Stirnadern zum Endkampf gegeneinander antreten – sie sind Brüder, sind Söhne des Scanner-Züchters, wie sich herausstellt, um dem Showdown sine mythische Gloriole aufzupappen -, muß der eher grobklötzige Regisseur Cronenberg seinen Job an die Trick-Spezialisten abtreten: Was da Kasse macht, sind ihre qualmenden Ketchup-Fontänen.

Dieser Vorwurf unterstützt eine Haltung, die auch heute noch oft Verwendung findet und die dem Film vorwirft er würde vor allem an seiner langatmigen Inszenierung kranken. Und tatsächlich muss man konstatieren, dass der Streifen deutlich weniger Drive vorzuweisen hatte, als es beispielweise der äußerst flotte PARASITEN-MÖRDER vermochte. Wiederum konzentriert sich Cronenberg auf sehr ruhige und teils futuristische Bilder, bei denen er stets eine teils kalte, teils ungewöhnliche Architektur ins Auge fasst. Aber nach dem ersten Akt verfällt der Film in eine gewisse Ruhe, die vielen Zuschauern ein wenig zu präsent erscheinen dürfte. In Anbetracht der inhaltliche Fülle ist das zwar sinnvoll, es gibt schließlich genug nachzudenken und zu beachten, aber rein formal senkt das die Geschwindigkeit ganz erheblich. Cronenberg aber nun als „grobklötzig“ zu bezeichnen, geht doch eindeutig zu weit. Die ruhige Inszenierung ist schließlich bewusst gewählt und sollte auch als solche anerkannt werden. Daraus eine mangelnde Fähigkeit zu konstruieren ist ebenso falsch wie verkennend.

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In Sachen Besetzung beschritt der Filmemacher mit diesem Streifen erstmals neue Wege und entschloss sich erstmals (natürlich auch in Anbetracht der finanziellen Möglichkeiten) dafür, die Hauptrollen mit bereits bekannten Schauspielern zu besetzen. So fanden sich dann neben Jennifer O’Neil auch Patrick McGoohan und Michael Ironside am Set ein. Erstere wurde übrigen mit einer abgeänderten Version des Drehbuchs herbeigelockt, da ihr in der Originalfassung zu viele Grausamkeiten vorkamen; einzig die Hauptrolle Stephen Lack war ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt. Allesamt bieten die Darsteller aber beeindruckende Leistungen und tragen mit ihren interessant ausgearbeiteten Rollen – die diesmal ungewöhnlich klar in Gut und Böse zu unterteilen sind – maßgeblich zur Spannung bei. Leider konnten aber auch die gewandten Mimen nichts daran ändern, dass die Dreharbeiten – wie bereits erwähnt – äußerst unglücklich verliefen. McGoohan kam wohl meist alkoholisiert ans Set und zusammen mit den Tag für Tag anstehenden Script- und Kulissenarbeiten, sowie vielen anderen kleinere Problemen sorgte das dafür, dass sich nach Drehende herausstellte, dass das fertige Material kaum für einen vernünftigen Film reichen würde. Cronenberg musste also Monate später weiteres Material drehen, um dann damit für lange Zeit im Schneideraum zu verschwinden. Schlussendlich passte dann alles, allerdings mag sich hier ein Anhaltspunkt finden, warum der Film an manchen Ecken und Enden etwas rau daherkommt.
In Sachen Effekte und Kunstblut kommt SCANNERS dann etwas milder daher, als andere frühe Cronenbergs, was allerdings nicht heißen soll, dass der Film etwas für zarte Gemüter ist. Besondere Bekanntheit erlangte natürlich die ikonische Kopfexplosion, die in Deutschland sogar als Trailer Verwendung fand. Aber auch der finale Kampf zwischen den beiden Telepathen bietet in Sachen Effekttechnik einiges und versteckt auch wieder viele Inhalte in Form und Art der Gewalt. Insgesamt kommt diesem Thema aber etwas weniger Aufmerksamkeit zu.

Darryl Revok: Na schön, dann versuchen wir es eben mit Scannen, aber ich saug dir dein Hirn aus!

In den USA spielte der Film dann rund 14 Mio. US$ ein und kann somit durchaus – da unabhängig produziert – als Erfolg bezeichnet werden. Die Presse konnte mit Cronenbergs Themenreichtum hingegen weniger anfangen und stellte weitestgehend schlechte Kritiken aus. Da der Film aber beim Publikum Anklang fand, ging der Produzent Pierre David 1991 und 1992 daran, die Fortsetzungen SCANNERS II und SCANNERS III zu produzieren und 1994 und 1995 sogar noch die zwei Spin-Offs SCANNER COP – DIE ULTIMATIVE WAFFE und SCANNER COP 2 – THE SHOWDOWN. Das hatte natürlich alles nicht mehr mit Cronenberg zu tun, der in den folgenden Jahren mit VIDEODROME (1983), DEAD ZONE – DER ATTENTÄTER (1983) und DIE FLIEGE (1986) große Erfolge feiern sollte.
Insofern ist SCANNERS auch einer der Türöffner für Cronenberg gewesen, die ihn vollends vom anerkannten Untergrund-Filmer zum internationalen Erfolgsregisseur machten. Und auch wenn sich nach wie vor viele Kritiker an der ruhigen Inszenierung und der enormen Themenvielfalt dieses Filmes stoßen, so ist er dennoch ein äußerst interessanter, ein äußerst spannender und ein äußerst wichtiger Beitrag zu Cronenbergs Gesamtwerk.

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Cronenbergs Telepathen-Vision ist sicherlich kein einfacher Film den man nebenbei anschauen kann, aber wenn man sich mit den Themen auseinandersetzt und sich auf die ruhige Inszenierung einlässt, erwartet einen ein äußerst gelungener Film voller Substanz.

8 Antworten zu “SCANNERS – IHRE GEDANKEN KÖNNEN TÖTEN

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