DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV

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Die Waffe, die Stunde, das Motiv
L’Arma, l’ora, il movente | Italien | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der kleine Ferruccio (Arturo Trina), der als Waise in einer Klosterschule lebt, beobachtet den Mord an Priester Don Giorgio (Maurizio Bonuglia). Als wäre das nicht schon pikant genug, stellt sich heraus, dass der Geistliche mehrere Affären mit Frauen hatte, die der Klosterschule nahe standen. Umgehend begibt sich Kommissar Franco Boito (Renzo Montagnani) daran, den Fall zu lösen, doch der nächste Todesfall lässt nicht lange auf sich warten.

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1973 befand sich der Giallo gerade auf dem Höhepunkt. Inspiriert von Mario Bava und natürlich Dario Argento schossen die Nachahmer nur so aus dem Boden. Einer, der sich ebenfalls an dem Thema versuchen wollte, war Francesco Mazzei, der seine Brötchen bis dato mit Arbeiten als Produzent und Drehbuchautor verdient hatte. Zusammen mit Marcello Aliprandi zimmerte Mazzei dann ein Drehbuch zusammen, das sich relativ weit vom klassischen Giallo-Sujet entfernt, im Kern aber trotzdem eng an Argentos bevorzugtem Whodunit-Thema bleibt.
Vor allem die Abwesenheit eines klassischen, schwarzbehandschuhten Mörders fällt natürlich sogleich auf. Die Geschichte lässt sich relativ lang Zeit, bis es zur ersten Meuchelei kommt, und kümmert sich auch dann kaum darum, den Übertäter in Szene zu setzen. Viel mehr stehen von Anfang an religiöse Themen im Vordergrund, bei denen Mazzei nicht mit Kritik, ja fast schon Karikatur, spart. So gibt es im Laufe des Films nicht nur Unzucht treibende Priester und nackte Nonnen, sondern letztere peitschen sich in einer recht surrealen Szene auch noch gemeinsam aus. Diese Nunsploitation-Einflüsse erstaunen im Gesamtkontext ein wenig, denn ansonsten kommen sowohl die Geschichte, als auch die Inszenierung sehr ruhig und besonnen daher. Übrigens wurden die Szenen, in denen es Blut und Effekte zu sehen gibt, von Carlo Rambaldi konzipiert, der unter anderem an Argentos ROSSO – DIE FARBE DES TODES (1975), aber auch an Hollywood-Reißern wie ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT (1979) und E.T. – DER AUßERIRDISCHE (1982) beteiligt war. Das heißt allerdings nicht, dass es hier allzu viel zu sehen gibt, alle Darbietungen bleiben realistisch und überschaubar.
Das macht sich vor allem bei einem weiteren Merkmal des gemeinen Giallo bemerkbar, welches der Film recht stiefmütterlich behandelt. Denn obwohl Francesco De Masi, dessen klangvolle Untermalungen durch alle erdenklichen Genres hindurch Erfolge verbuchen konnten, für den Soundtrack verantwortlich zeichnet, gibt es fast nicht zu hören. Nur wenige Minuten an äußerst zurückhaltenden Klängen erreichen das Ohr des Zuschauers, ansonsten herrscht Stille. Jedoch passt auch diese Entscheidung gut zu dem Film, deckt sich diese Ruhe doch hervorragend mit der Wahl eines Klosters als Handlungsort.

Franco Boito: Hier ist es irgendwie merkwürdig, aber nicht ohne Reiz … wie Sie, Orchidea!

In Sachen Besetzung macht der Film hingegen keine großen Sprünge, klangvolle Namen sucht man auf der Besetzungsliste vergebens. Die Hauptrolle hat Renzo Montagnani inne, den der geneigte Freund des italienischen Kinos aus diverse (Schmuddel-)Komödien kennen dürfte. Die Frauenrollen fallen auffällig dominant aus, vor allem Bedy Moratti als Orchidea nimmt den Zuschauer mit ihrer rauen Präsenz recht schnell für sich ein. Leider war das damalige DDR-Fernsehen für die Synchronisation verantwortlich, so dass alle Rollen abseits der Hauptcharaktere teils erschreckend unpassend klingen. Das fällt vor allem bei dem jungen Ferruccio, gespielt von Arturo Trina, auf, der oft – gerade in Anbetracht seiner Rolle – allzu übertrieben kindlich daherkommt.
Das sind allerdings kleine, und somit ohne Weiteres verschmerzbare, Unsauberkeiten, die in Anbetracht der jederzeit spannenden und unterhaltsamen Geschichte locker zu verschmerzen sind. Natürlich kann man aufgrund der formalen Eigenschaften darüber diskutieren, inwieweit dieser Film dem Giallo zuzuordnen ist – noch befeuert wird diese Kontroverse gar durch den Umstand, dass der Film auch in Sachen Farben und Kamera recht bieder daherkommt – allerdings sollte man die Frage vorziehen, ob das überhaupt von Belang ist. Mazzei folgt nicht stoisch irgendwelchen Formvorgaben, sondern nimmt sich jede Freiheit, die er für nötig erachtet, um einen spannenden Film zu drehen. Das Bedienen bei verschiedenen Stilrichtungen sorgt zwar dafür das der Film innerhalb eines Genres betrachtet etwas durchwachsen erscheinen mag, aber gesamtheitlich betrachtet ein sehr gutes Bild abgibt. Für Freunde des Giallo, die das Genre bereits kennen und auch mal über die Grenzen hinausspähen wollen, sei der Film hiermit klar empfohlen.

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Darüber, ob der Film ein Giallo ist, ließe sich sicherlich diskutieren, nicht aber darüber, ob er gelungen ist; das ist er nämlich ohne Frage. Und mit einer spannenden Geschichte und einer gekonnt ruhigen Inszenierung kann man ja gemeinhin nichts falsch machen.

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