PARASITEN-MÖRDER

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Parasiten-Mörder
Shivers | Kanada | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

In einem modernen Apartment-Hochhaus in der Peripherie einer kanadischen Großstadt leben die Menschen in einem in sich fast gänzlich geschlossenen Biotop. Für alles ist gesorgt, der Kontakt zur Außenwelt ist minimal. Als jedoch eines Tages eine junge Frau von einem Wissenschaftler ermordet wird, überschlagen sich die Ereignisse. Eine mysteriöse Seuche breitet sich im Gebäude aus, der der Arzt Roger St. Luc (Paul Hampton) als letzte Bastion gegenüber steht.

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Knapp zehn Jahre lang drehte der Kanadier David Cronenberg Kurz- und Experimentalfilme, bevor er schließlich daran ging, seinen ersten abendfüllenden Spielfilm umzusetzen. Geld erhielt er dazu unter anderem von der kanadischen Filmbehörde, was später noch für einige Kontroversen sorgen sollte. Doch davor stand erst einmal die Produktion, welche mit nur knapp 200.000 US$ im Gepäck keine leichte werden sollte.
Dass das Script von Cronenberg selber stammt, versteht sich mehr oder minder von selbst, war er doch bei (fast) jedem seiner relevanten Werke für das Buch verantwortlich. Die Geschichte ist dabei beeindruckend vielschichtig und verbindet Begierde, Sexualität, Gewalt und die Frage nach dem freien Willen miteinander. Zahlreiche Metaebenen schaffen eine Tiefe, die nur wenige Filmemacher zu einem solch frühen Zeitpunkt ihrer Karriere bieten können. Es zeigen sich bereits alle konstituierenden Merkmale des durch Cronenberg geprägten Begriffes Bodyhorror, der ihn in der Folge rund 25 Jahre bis hin zu EXISTENZ – DU BIST DAS SPIEL (1999) begleiten sollte. Da ist es nur folgerichtig, dass ein Arzt im Mittelpunkt steht, der den Fauxpas eines Kollegen wieder auszubaden versucht. Die Medizin, die hier den Anstoß zum Tausch der Intelligenz gegen den Trieb gibt, verliert dabei letztlich gegen den von ihr selbst erweckten Instinkt. Dass der Film weitere Metaebenen, wie die Abschottung der Menschen innerhalb des Gebäudes, oder die ohnehin latent vorhandene Morallosigkeit und Sexualität der Menschen behandelt, beweist nur noch einmal, wie durchdacht und weitreichend Cronenbergs Script ist. Auch nach mehrmaligem Betrachten bieten sich noch neue Interpretationsansätze; ein Merkmal, dass man einem in der Frühphase eines Portfolios entstandenen Film gar nicht hoch genug anrechnen kann.

Rollo: Hobs glaubte, dass der Mensch ein Lebewesen ist, ein Tier, das zu viel denkt. Ein überintelligentes Lebewesen, das den Bezug zu seinem Körper und seinen Instinkten verloren hat. Mit anderen Worten: Zu viel Gehirn und zu wenig Triebe. Um unseren Gefühlen auf die Sprünge zu helfen züchtete er also einen Parasiten der eine Kombination aus einem Aphrodisiakum und einer Geschlechtskrankheit ist und die Welt hoffentlich in eine wunderschöne unbeschwerte Orgie verwandelt.

Ein weiteres Merkmal des Bodyhorrors sind die expliziten Darstellungen von Körperlichkeit und Sexualität, die der Film ebenfalls schon zu konstituieren vermag. Die Übertragung des Virus durch eine Art Wurm wird mehrfach sehr explizit veranschaulicht, ebenso wie andere Morde und Gewalttaten. Viele Einstellungen zeigen darüber hinaus Untersuchungen des menschlichen Körpers und schaffen so eine große Bewusstheit für ebendiesen. Natürlich darf in Anbetracht des Themas auch eine ordentliche Portion an sexuell gehaltvollen Szenen nicht fehlen, die neben der omnipräsenten Nacktheit auch einige homosexuelle Momente bieten. Diese Mischung aus inhaltlich ebenso sinnvollen wie durchdachten, aber eben auch sehr expliziten Aufnahmen sorgte dann natürlich für einiges Aufsehen. Allgemeine Empörung machte sich vor allem breit, weil der Film wie erwähnt mit öffentlichen Geldern finanziert worden war, aber auch, weil das Thema Sexualität in Spielfilmen seinerzeit immer noch mit der Kneifzange angefasst wurde. Folglich wetterte man allerorten gegen Cronenberg, seine antipornographisch engagierte Vermieterin kündigte ihm gar seinen Wohnsitz.

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All das konnte den Erfolg des Filmes jedoch nicht mindern, und so mauserte sich der Streifen zum bis dato erfolgreichsten kanadischen Spielfilm. Auch in Übersee konnte man einiges Aufsehen erregen, vor allem in Frankreich nahm man den Film begeistert auf. Erstaunlich ist das auch in Anbetracht der Tatsache, dass der Streifen in Sachen Stab oder Besetzung kaum über irgendjemand Nennenswertes verfügte, was die Möglichkeiten der Werbung stark einschränkte. Einzig die junge Lynn Lowry konnte bereits Genre-Erfahrung vorweisen, war sie doch als Nebenrolle in Romeros CRAZIES (1973) und als noch kleinere Nebenrolle im Terror-Reißer DIE TOLLWÜTIGEN (1970) zu sehen. So stellt der Cast dann auch den einzigen – und somit gut verschmerzbaren – Schwachpunkt des Films dar. Gerade die Hauptrolle Paul Hampton wirkt äußerst fehlplatziert und schafft es kaum, irgendeine Emotion zu transportieren. Die oft mit Laien besetzten Nebenrollen schwanken zwischen erträglich und dilettantisch und sorgen so für manch unfreiwillig komischen Moment.

Nicholas: Schlaf mit mir, na komm‘ schon! Treib‘s mit mir!
Janine: Ich möchte uns sehen können, wenn wir miteinander schlafen. Ich würde gerne meine Kontaktlinsen einsetzen.

Das ist aber in Anbetracht des großartigen Drehbuchs und der wegweisenden Inszenierung locker zu verschmerzen. Denn der Film begründete nicht nur Cronenbergs erfolgreiche Zeit als Meister des Bodyhorror (eine Epoche, in der er unter anderem SCANNERS – IHRE GEDANKEN KÖNNEN TÖTEN (1981), VIDEODROME (1983) und DIE FLIEGE (1986) hervorbrachte), sondern beeinflusste auch zahlreiche andere Filmemacher. So ist es kein Zufall, dass Romeros Meisterwerk ZOMBIE drei Jahre später viele Aspekte aus PARASITEN-MÖRDER wieder aufgreift; und das sowohl inhaltlich als auch gestalterisch.
Ansonsten ist der Film aber wohl eines der gelungensten Frühwerke eines später großen Filmemachers. Während man bei andererleute Erstlingen oft Abstriche machen muss oder die Handschrift eines Regisseurs nur punktuell wiederfindet, zeigt Cronenberg bereits mit seinem ersten abendfüllenden Spielfilm, dass er genau weiß, wo er in den nächsten Jahren hin will und das er – und das ist fast noch höher zu bewerten – auch genau vor Augen hat, wie das aussehen soll. Und das macht PARASITEN-MÖRDER auch nach bald vierzig Jahren noch zu einem beeindruckenden Film.

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Cronenberg zeigt mit seinem Erstling, dass er sich seiner filmischen Zukunft vollkommen bewusst war und präsentiert einen sowohl inhaltlich als auch formal außerordentlich durchdachten Film. Zentrale Motive seiner Karriere sind bereits klar erkennbar und die flotte Inszenierung sorgt dafür, dass der Film auch heute noch prächtig funktioniert.

2 Antworten zu “PARASITEN-MÖRDER

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