NACKT ÜBER LEICHEN

Nackt über Leichen
Una sull’altra | Frankreich/Italien/Spanien | 1969 | IMDb, OFDb, Schnittberichte

Dr. George Dumurrier (Jean Sorel) führt ein prächtiges Leben. Einziger Wermutstropfen ist die zerrüttete Beziehung zu seiner asthmakranken Frau Susan (Marisa Mell). Als er eines Tages mit seiner Geliebten Jane (Elsa Martinelli) unterwegs ist, verstirbt seine Gattin und hinterlässt ihm überraschenderweise eine sehr großzügige Lebensversicherung. Natürlich gerät Dumurrier schnell in Verdacht, seine Frau ermordet zu haben, doch in Wirklichkeit steckt eine viel größere Intrige hinter dem Todesfall.

Lucio Fulci ist heute gemeinhin als einer der italienischen Horrorfachleute schlechthin bekannt. Filme wie WOODOO – SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL und DAS HAUS AN DER FRIEDHOFSMAUER machten ihn zu Beginn der 80’er Jahre zum Aushängeschild des italienischen Splatterfilms. In Anbetracht dessen wir dann schnell vergessen, dass Fulci seine inhaltliche Blüte zu dieser Zeit schon hinter sich gelassen hatte. Während er in den 60’er Jahren vor allem Komödien und Italo-Western drehte, widmete er sich im darauffolgenden Jahrzehnt vor allem dem Giallo, dem italienischen Mix aus Krimi und Thriller.
So führte Fulci dann 1969 Regie bei dem Streifen NACKT ÜBER LEICHEN. Die deutschen Titelbastler haben hier mal wieder alle Register gezogen, um den Titel so reißerisch wie unsinnig zu gestalten. Im Original lautet der Titel Una sull’altra und entspricht so dem internationalen Titel One on Top oft he Other. Der lässt einerseits viel Interpretationsraum, wird auf der anderen Seite aber auch der einfallsreichen Geschichte gerecht. Die kann nämlich über die gesamte Spielzeit mit interessanten Twists aufwarten und vermeidet jede Form von Längen. Der Anfang erinnert zwar stark an Hitchcocks VERTIGO, aber nach 20 Minuten beschreitet die Storyline eigene Wege und umschifft die Rip-Off-Klippen so geschickt. Und eine gewisse Hitchcock-Reminiszenz schadet ohnehin nicht, gründet sich Mario Bavas Giallo-Urgstein BLUTIGE SEIDE (und somit das gesamte Genre) doch maßgeblich auf dessen Arbeiten. Auch das manche Elemente der Handlung – allem voran das Ende – ein wenig konstruiert wirken, schmälert den guten Eindruck nicht, da solche inhaltlichen Schwächen mit inszenatorischen Mitteln wieder ausgeglichen werden.

Vor allem die Bildgestaltung kann dabei restlos überzeugen. Allerlei einfallsreiche Einstellungen (Perspektivspiele oder die Aufnahme des Aktes durch die Bettdecke) und eine ansprechende Farbgebung machen jede Aufnahme zu einem Genuss. Im weiteren Verlauf nutzt Fulci dann auch Bildmontagen aus sechs oder sieben Einstellungen, und schafft somit auch eine abwechslungsreiche Bandbreite an optischen Spielereien. Passend dazu gibt es Swing auf die Ohren und immer wieder reduziert sich die Akustik auf einen einzelnen Basslauf. Das schafft Stimmung und komplettiert den sehr runden 70’er-Stil.

Jane: Gutes Gesicht.
Benjamin: Aber noch besser ist sie da unten!

Die Mimen passend sich nahtlos in diesen sehr guten Rahmen ein und können weitestgehend überzeugen. Vor allem Marisa Mell als intrigante Doppelrolle weiß zu begeistern und betören. Sie wickelt den souverän spielenden Jean Sorel ein ums andere Mal um den Finger und schiebt den Zuschauer so gekonnt auf Sorels Seite. Die übrigen Akteure spielen gefällig mit, einzig Alberto de Mendozas Interpretation vom bösen Bruder wirkt ein wenig überzeichnet. Das ist allerdings eher dem Drehbuch als dem Schauspieler zuzuschreiben.
Natürlich gibt es dann genretypisch noch eine gute Portion an nackter Haut und Beischlaf. Fulci inszeniert das jedoch immer überraschend stilvoll und unaufgeregt und auch wenn einige Szenen im Nachtclub da ein wenig aus der Rolle fallen, verschmilzt der spätere Gore-Gott hier alle Bestandteile zu einem ebenso fesselnden wie unterhaltsamen Giallo; der einen nur mit einem Kopfschütteln zurücklassen kann, wenn man daran denkt, das ebendieser Regisseur ab der Mitte der 80’er Jahren im Sumpf der Schundfilme versunken ist.

Toller Giallo vom späteren Großmeister des Splatters! Spannend, wendungsreich und großartig inszeniert.

4 Antworten zu “NACKT ÜBER LEICHEN

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