HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS

Halloween – Die Nacht des Grauens
Halloween | USA | 1978
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Im Alter von sechs Jahren töte der kleine Michael Myers seine Schwester in der Halloweennacht. Daraufhin wird er in ein Sanatorium eingeliefert und steht dort unter der Beobachtung von Dr. Sam Loomis (Donald Pleasence). Dieser ist davon überzeugt, dass das namenlose Böse in dem stummen Jungen schlummert. Nach exakt 15 Jahren gelingt Myers die Flucht und er kehrt – wiederum an Halloween – zurück in seine Heimatstadt Haddonfield.

An dem 1976 erschienen Carpenter-Film ASSAULT – ANSCHLAG BEI NACHT wirkte eine gewisse Debra Hill als Script Supervisor und Assistant Editor mit. Diese Frau Hill – eine Kommilitonin Carpenters von der University of Southern California – sollte dann zwei Jahre später bei HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS den Posten der Produzentin und Drehbuchautorin übernehmen. Das Drehbuch schrieben Carpenter und Hill (die übrigen aus einer Stadt namens Haddonfield stammt) in gerade einmal zehn Tagen und Hill gelang es darüber hinaus, mit den gerade einmal 320.000 US$ Budget derart gut zu haushalten, dass es der Filmcrew (von einem gewissen Zeitdruck einmal abgesehen) an nichts mangelte. Die beiden sollten dann in den folgenden Jahren nicht nur viele geniale Produktionen auf den Weg bringen, sondern auch auf persönlichen Wegen gemeinsam wandeln.
Doch am Anfang dieses Weges steht der Film HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS. Schon beim Anfertigen des Scripts war klar, dass hier ein Film entstehen soll, der nicht durch Handlung und Sinn im Gedächtnis bleibt, sondern vielmehr durch Spannung und Atmosphäre. In einem Interview bekundete Carpenter einmal, dass er sich damals vornahm, „den entscheidenden Film des Sub-Genres der Psychopathen-Filme zu machen“. Und heute kann man wohl konstatieren, dass ihm dieses Vorhaben weitestgehend gelungen ist.

Dr. Loomis: Der leibhaftige Tod ist in Ihre Stadt gekommen, Sheriff. Sie können ihn ignorieren oder mir helfen ihn aufzuhalten!

Das die Storyline dabei relativ übersichtlich ist, und kaum Wendungen oder Überraschungen vorweisen kann, fällt dabei – auch weil dies bewusst so geschehen ist – kaum ins Gewicht. Schon die Eröffnung lässt zwar viele Fragen offen, aber weiß dafür durch ihre grandiose Machart umso mehr zu beeindrucken. Mit Hilfe einer Panaglide-Kamera (ein System, dass der Steadycam – bekannt durch Kubricks SHINING – sehr ähnlich ist) wird der erste Mord von Myers in einem Oneshot aus der Perspektive des Kindes gezeigt. Diese Szene reißt den Zuschauer gleich an sich und macht Fragen nach dem Wieso und Weshalb überflüssig. Im Verlaufe des Films kommt diese Kameratechnik immer wieder (wenn auch meist deutlich subtiler) zum Einsatz, und ist so sicherlich mitverantwortlich für den handwerklich sehr sauberen Stil des Films.

Diese gute Arbeit und die dadurch oft entstehende Spannung wäre aber nur die Hälfte wert, wenn Carpenter nicht – wie bei ihm seit seinen Anfängen mit DARK STAR üblich – selber in die Tasten gehauen und so einen Score für die Ewigkeit geschaffen hätte. Eine Studiochefin von 20th Century Fox sah den Rohschnitt damals ohne Ton und befand den Film für langweilig. Erst als Carpenters weltberühmte Musik eingefügt wurde, war die Dame der Meinung, dass man diesem Mann Geld für weitere Projekte zur Verfügung stellen könnte. Und tatsächlich entsteht die einzigartige Stimmung des Films meist in Verbindung mit der Musik. Carpenter hat sich bewusst von PSYCHO und SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD inspirieren lassen. Parallelen zu ersterem dürften auch für Laien kaum zu übersehen sein. Neben den Klängen verweist Carpenter übrigens auch mit anderen Mittel auf seine Vorbilder. Allem voran muss an dieser Stelle Howard Hawks genannt werden. In mehreren Szenen läuft ein Fernseher, auf dem Ausschnitte von Hawks Film DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (den Carpenter Jahre später selber neu auflegen sollte).
Das geringe Budget hatte natürlich auch Einfluss auf die Wahl der Darsteller. Außer Donald Pleasence sind (auch) deshalb nur zu der Zeit unbekannte Gesichter zu sehen. Und Pleasence war zunächst nicht von dem Projekt überzeugt, da er Carpenters letztem Film ASSAULT – ANSCHLAG BEI NACHT nichts abgewinnen konnte. Erst nach viel Überzeugungsarbeit unterschrieb er schließlich. Damals noch unbekannt wurde HALLOWEEN dann zum Sprungbrett für die 20-jährige Jamie Lee Curtis. Ihr erster Spielfilmauftritt machte sie über Nacht berühmt und legte den Grundstein für eine große Karriere. Auch entstand durch ihre Interpretation der Laurie Strode der Begriff „Scream Queen“, welcher heute im Genre allgegenwärtig ist. Ein großer Teil des Casts besteht darüber hinaus wieder aus Freunden von Carpenter, von denen viele bereits in früheren Filmen von ihm mitgespielt haben. Hier lässt sich schon früh Carpenters spätere Kontinuität in der Darstellerwahl erkennen.

Bob: Ich bin gleich wieder da, zieh‘ dich bloß nicht an!

Ebenfalls findet sich bei HALLOWEEN ein Merkmal, dass Carpenter immer wieder als wichtig betont, und dass viele berühmt Horror-Klassiker (allen voran wohl Hoopers BLUGERICHT IN TEXAS) auszeichnet. Die Gewalt findet meist außerhalb des Bildes, meist sogar nur im Kopf des Betrachters statt. Und das liegt nicht daran, dass das Budget nicht für ein paar Liter Filmblut gereicht hätte. Carpenter möchte bewusst Horror erzeugen, indem er auf allzu grausame Bilder verzichtet. Insbesondere ist es ihm ein Anliegen, das Grauen in eine durchschnittliche amerikanische Kleinstadt zu holen. Durch geschickte Inszenierung werden die beschaulichen Straßenzüge so bedrohlich und beengend. Carpenter geht hier noch einen Schritt weiter als Hooper vier Jahre zuvor. Während der das Grauen aus Schlössern und Burgen plötzlich ins amerikanische Hinterland verpflanzte, holt Carpenter es gleich in die Stadt. Und zwar nicht in die entfremdeten Großstädte, sondern in die kleine, greifbare Vorstadt. Damit begründete er im übrigen eine weitere Eigenschaft des Slasher-Genres. Optische Effekte finden sich dann höchstens in Myers Erscheinen und Verschwinden, welches ebenfalls zu einem Markenzeichen der Reihe und des Genres wurde.

Der Film spielte, dann in den ersten Wochen nach dem Kinostart allein in den USA ca. 10 Mio. US$ ein. Insgesamt geht man von ca. 60 Mio. US$ weltweit aus (von denen Carpenter übrigens nur 10.000 Dollar und weitere 10% der Einnahmen bekam). Darunter sind dann auch ca. 4 Mio. US$, die NBC für die erste Fernsehausstrahlung im Jahr 1980 bezahlte. Da die damalige Sendezeit zwei Stunden betragen musste, wurde Carpenter per Vertrag aufgefordert, rund zwölf Minuten weiteres Material zu drehen. Dies geschah dann tatsächlich im Zuge der Dreharbeiten zu HALLOWEEN 2 – DAS GRAUEN KEHRT ZURÜCK. Heute ist diese Fassung als Extended-TV-Cut (oder schlicht Langfassung) bekannt und enthält eine sehr interessante Szene, welche die Beziehung zwischen Myers und Loomis genauer skizziert.

Annie: Wo ist die Bluse?
Laurie: Sie ist in meinem Schrank.
Annie: Ich hole sie mir.
Laurie: Versprich mir, sie nicht zu zerreißen.
Annie: Ich verspreche es hoch und heilig.
Laurie: Ich glaube dir hoch und heilig nicht!

Neben einer großen Fangemeinde hat der Film im Laufe der Jahre vor allem viele Kritiker auf den Plan gerufen. Die einen unterstellen ihm Frauenfeindlichkeit oder veraltete moralische Vorstellungen (gegründet auf die Tatsache, dass nur das keusche, pflichtbewusste Mädchen überlebt, während die trinkenden, rauchenden und Beischlaf praktizierenden Mädels sterben müssen), andere behaupten Carpenter klaue zu forsch bei Hitchcock. Besonders einfach ist wohl der Vorwurf, der Film sei schlicht langweilig und mittlerweile durch schnellere und trickreichere Filme überholt. Und natürlich sind zwar nicht alle diese Vorwürfe frei erfunden, aber sie gehen doch an einer objektiven Beurteilung des Films vorbei. Das oben erwähnte Ziel, „den Film des Psychopathen-Genres“ zu drehen, hat Carpenter erreicht, und ein ganzes Genre so maßgeblich (mit)begründet. Er hat ein ruhiges, aber dennoch ungemein spannendes Meisterwerk geschaffen, dass ihm vollkommen zu Recht Tür und Tor geöffnet hat. So können einzelne Kritikpunkte an der filmhistorischen Wichtigkeit des Streifens auch nichts ändern. HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS ist und bleibt das Standardwerk des Slasherfilms, dass auch heute noch uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Ein Meisterwerk, das für Carpenter den Durchbruch bedeutet hat. Nebenbei hat er damit noch ein Genre begründet und eine bis heute Bestand habende Referenz geschaffen.

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