CHRISTINE

Christine
Chrsitine | USA | 1983 | IMDb, OFDb, Schnittberichte

Arnie Cunningham (Keith Gordon) ist der typische Verlierer, der sich an einer 80er-Jahre-Highschool rumschlägt. Immerhin hält der coole Dennis (John Stockwell) zu ihm und verteidigt ihn gegen die örtlichen Rowdies. Eines Tages sehen die beiden einen heruntergekommenen Plymouth, der zum Verkauf steht. Arnie verliebt sich in den Wagen, kauft ihn und verfällt ihm.

Zu Beginn der 80er Jahre war der Erfolgsautor Stephen King bereits ein derartiges Phänomen, dass jede seiner Buchveröffentlichungen sich ganz automatisch in die Beststellerlisten eintrug. Und eine ganze Reihe an erfolgreichen Verfilmungen von namenhaften Regisseuren hatte ebenfalls dafür gesorgt, dass man sich in Hollywood um die Rechte für Kings aktuelle Werke riss. Egal ob Da Palmas CARRIE – DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER (1976), Hoopers BRENNEN MUSS SALEM (1979) oder natürlich Kubricks SHINING (1980), seine Romanverfilmungen schien automatisch Gelder in die Kassen der Studios zu spülen.
Diese Erfahrung hatte auch Richard Kobritz gemacht, der für die Produktion des erwähnten BRENNEN MUSS SALEM verantwortlich zeichnete. Und das, obwohl der Film für das Fernsehen produziert wurde, und somit durchaus mit Schnittauflagen und Werbepausen zu kämpfen hatte. Selbiges sollte Kobritz bei seinem nächsten King-Projekt nicht mehr passieren, sodass er CHRISTINE von Beginn an als Kinofilm konzipierte.

Regina Cunningham: Du wirst diesen Wagen ganz sicher nicht fahren. Das versprech‘ ich dir!

Als Regisseur wollte Kobritz von Anfang an seinen alten Freund John Carpenter einsetzen, dessen Karriere mit HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS (1978) und DIE KLAPPERSCHLANGE (1981) zwar durchaus große Filme hervorgebrachte hatte, ganz aktuell jedoch aufgrund des finanziellen Flops DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (1982) arg ins Stocken geraten war. Dementsprechend nahm Carpenter die Möglichkeit, einen finanziell vielversprechenden King-Film zu drehen gerne an; und das nicht zuletzt, weil Kobritz bereits runde zehn Mio. US-Dollar aufgetrieben hatte – von denen wiederum knappe zwei Millionen direkt an Stephen King flossen.
Somit waren die Grundbedingungen geklärt, und die Dreharbeiten begannen, noch bevor das Buch Christine veröffentlicht wurde. Das Drehbuch wurde von Carpenters Bekannten Bill Phillips geschrieben, der den recht umfangreichen Roman insgesamt doch recht gut zusammenstutze. Beiläufige Handlungsstränge wie die sich zunehmend entwickelnde Liebe zwischen Dennis und Leigh, die einzelnen nächtlichen Raubzüge von Christine oder die gesamte Vorgeschichte rund um deren Vorbesitzer fielen dabei unter den Schnitttisch (einiges davon wurde nämlich gedreht, fand jedoch nicht den Weg in die endgültige Fassung) und so hielt auch eine große Änderung Einzug in den Film. Im Gegensatz zur Vorlage ist nicht der Vorbesitzer Roland D. LeBay (der im Film übrigens teilweise mit der Rolle seines Bruders verschmilzt) Schuld am von Christines transportierten Bösen, sondern der Wagen ist von Anbeginn an besessen. Stephen King hat der Filmcrew diese Änderung übrigens freigestellt und bezeichnet sie im Nachhinein als gelungen.

Im Film stellt sich das Drehbuch dann als sehr charakterfixiert dar. Das ist ein Element, das eine starke Parallele zum Buch darstellt und den maßgeblichen Zauber des Streifens ausmacht. Die Beziehung von Arnie zu Christine wird von Carpenter wundervoll eingefangen, es findet eine visuelle Symbiose statt. Immer wieder genügt Arnie ein kleiner Blick in Richtung des Wagens, um wieder Sicherheit, später Überheblichkeit zu gewinnen. Über den gesamten Film hinweg, findet die Entwicklung der beiden „Rollen“ analog zueinander statt. Während Christine einen neuen Kotflügel erhält, verliert Arnie seine Brille, einem neuen Lederbezug folgt eine neue Jacke. Die so entstehende Intensität steigert sich, bis sich beide sich schließlich im Dämmerlicht gegenüberstehen und Christine Arnie in einer fast schon sexuellen Zusammenkunft ihre Selbstheilungskräfte demonstriert.

Dennis: Wie wär’s mit Geil Justen, hm?
Arnie: Dann lieber fasten als Justen. Ich mag ihren Schnurrbart nicht!
Dennis: Ach was, ist doch halb so schlimm. Was hast du gegen ein paar Haare im Mund?

Ist man von Carpenter ja derart intensive Inszenierung durchaus gewohnt, so vermag seine Auswahl in Sachen Darsteller diesmal durchaus zu erstaunen. Schöpft er sonst doch meist aus einem ansehnlichen Repertoire an Schauspielern, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat, so ist diesmal nur Harry Dean Stanton mit von der Partie, der bereits in DIE KLAPPERSCHLANGE zu sehen war. Was nun aber nicht heißen soll, dass die Besetzung nicht bestens gewählt sei. Keith Gordon mimt einen wunderbaren Arnie, dessen Metamorphose sich sowohl in Mimik und Gestik als auch in seiner Art zu reden und zu agieren wiederspiegelt. Ein umfassendes Spiel, das die Vorlage perfekt einfängt. Da kann John Stockwell als Highschool-Strahlemann Dennis zwar nicht mithalten, aber das liegt auch daran, dass die Rolle nun einmal flacher ist, als die seines bestens Freundes. Alexandra Paul bleibt unscheinbar, allerdings ist ihre Rolle als zwischen den Stühlen sitzende Leigh auch arg beschnitten worden. Dafür kann Robert Prosky in seinen wenigen Szenen als bärbeißiger Darnell begeistern.

In Sachen Musik lässt Carpenter es sich ja für gewöhnlich nicht nehmen, seine Filme selbstständig mit Soundtracks zu versehen. Doch genauso, wie er bei diesem Projekt schon die Drehbucharbeit abgab und seine Gewohnheiten bezüglich der Mimen außenvorließ, ging er auch bezüglich der Akustik neue Wege und verpasste dem Film – ebenfalls analog zum Roman, der sich noch sehr viel mehr auf zahlreiche Songzitate stützt – einen umfangreichern Rock&Roll-Soundtrack. Dieser sorgt unausweichlich für wippende Publikumsfüße und wird dann immer wieder, teilweise sehr abrupt, durch klassische Carpenter-Synthie-Scores unterbrochen. Die Verbindung von beidem erzeugt einen ganz eigenen Zauber, der weiter zum eigenständigen Profil des Films beiträgt. Sowohl die Eröffnung, als auch der Schlussakkord gehören dabei George Thorogoods Bad to the Bone, der übrigens auch einen Cameo erhielt, bei dem er als Mechaniker über den Schrottplatz der finalen Sequenz läuft.

Darnell: Der Kerl war so abgebrüht, dem hättest du kochendes Wasser in die Kehle schütten können und der hätte Eiswürfel gepinkelt.

Erwähnt werden muss auch noch die Abteilung Spezialeffekte, die hier einen beeindruckenden Job gemacht hat. Dabei war unter anderem Roy Arbogast, der sowohl bei Carpenters auf diesem Gebiet großartigen DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (1982) als auch bei DIE RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER (1983) mitgearbeitet hat. Auf Arbogasts Idee gehen auch die großartigen Effekte bei Christine Selbstheilung zurück, die er mit Hilfe einer Latexmasse umsetzte. Die aus dieser Masse geformten Wagenteile zog er mit Hilfe von Stahldrähten ins Wageninnere und sorgte so dafür, dass die Aufnahmen rückwärts abgespielt den Eindruck erwecken, Christine würde sich selber ausbeulen.
Aber diese und andere Trickfinessen stellen nur einen kleinen Teil des Zaubers dieses Films dar, der ansonsten von seinen intensiven Aufnahmen lebt, mit denen Carpenter die (Liebes-)Geschichte zwischen Arnie und Christine einfängt. Und auch wenn CHRISTINE vielleicht nicht zur allerersten Riege der King-Verfilmungen zählt, so ist der Film doch ganz nah an diesem Gütesiegel und kann auch heute noch uneingeschränkt fesseln. Und für John Carpenter war es nach dem Desaster von 1982 ein finanzieller Erfolg, der sein filmisches Schaffen endlich auch einmal monetär würdigte.

Äußerst atmosphärische King-Verfilmung, bei der Carpenter ein tolles Charakterspiel sehr intensiv inszeniert. Tolle Musik und eine gute Besetzung machen den Film zu einem rundum gelungenen Gesamtwerk.

6 Antworten zu “CHRISTINE

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