SHINING

Shining
The Shining | Großbritannien/USA | 1980
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der gescheiterte Lehrer Jack Torrance (Jack Nicholson) findet sich über den Winter im abgelegenen Overlook Hotel in den Bergen von Colorado ein, um dort in der kalten Jahreszeit den Hausmeister zu spielen. Bei ihm ist nur seine Familie bestehend aus seiner Frau Wendy (Shelley Duvall) und seinem Sohn Danny (Danny Lloyd). Den Hinweis, dass der letzte Hausmeister im Winter seine beiden Töchter und sich selbst umbrachte, schlägt Jack locker in den Wind und plant stattdessen, endlich sein Buch in der Ruhe, die sich im bieten wird, zu vollenden. Schon nach kurzer Zeit zeigt sich, dass Jack den Hinweis besser ernst genommen hätte.

Obwohl technisch und künstlerisch über jeden Zweifel erhaben, vermochte es BARRY LYNDON (1975) nicht, Stanley Kubrick auch einen finanziellen Erfolg zu bescheren. So rückte dessen Herzensprojekt, die Verfilmung des Lebens von Napoleon Bonaparte, wieder in weite Ferne. Da kam es dem Regisseur, Produzenten und Autoren gerade recht, dass Warner Brothers auf der Suche nach jemandem war, der Stephen Kings dritten Roman Shining auf die Leinwand bringen konnte. Brian De Palmas CARRIE – DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER (1976) und Tobe Hoopers BRENNEN MUSS SALEM (1979) hatten das cineastische Potenzial der king’schen Werke bereits bewiesen und nun sollte auch Shining seine Umsetzung erfahren. Da Kubrick sich jedoch mit der Adaption der Vorlage dieses Mal schwieriger tun sollte als bei vorangegangenen Produktionen, engagiert er die Schriftstellerin Diane Johnson, deren Roman The shadow knows ihn bereits Mitte der 70er Jahre dazu inspiriert hatte, einen Film um ein Geisterhaus ins Auge zu fassen.

Ullman: Früher soll hier eine indianische Begräbnisstätte gewesen sein und soviel ich weiß, mussten während der Bauarbeiten mehrere Indianerangriffe abgewehrt werden.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist dann maßgeblich für Ausrichtung und Wirkung des Endergebnisses verantwortlich. Sowohl Kubrick als auch Johnson war daran gelegen, keinen stereotypen Horrorfilm abzuliefern, der Schrecken sollten sich auf der Ebene der Charaktere abspielen – sowohl zwischen den dreien und in ihrer jeweiligen Entwicklung. Somit setzt die Verfilmung einen deutlich anderen Fokus, was Stephen King auch mehrfach deutlich bemängelte. Er begreift das Hotel als Hauptcharakter des Romans und hätte das Anwesen sowie dessen alles umfangende Bosheit auch im Film gerne im Zentrum gesehen. Kubricks Konzentration auf die Figuren sorgte für viel Ärger zwischen den beiden und ließ King letztlich sogar ein eigenes Drehbuch für einen 1997 unter dem Titel STEPHEN KING’S THE SHINING veröffentlichten TV-Mehrteiler schreiben.

Allerdings muss man Kubrick ohne weiteres zugutehalten, dass seine Entscheidung, die Figuren in den Mittelpunkt des Films zu rücken, maßgeblich zu dessen großartiger Wirkung beiträgt. Die Zuschauenden verfolgen nicht nur die Entwicklung Jacks gebannt, auch die Verschiebung der Beziehungen der Figuren zueinander hält die Spannung ständig aufrecht. Der langsam dem Wahnsinn verfallende Jack, von Jack Nicholson legendär gut gespielt, ist dabei sicherlich die eindringlichste Rolle, während der kleine Danny mit seinen Visionen immer wieder als Ankündiger künftiger Schrecken für die Zuschauer dient. Der zum Zeitpunkt der Produktion gerade einmal sechs Jahre alte Danny Lloyd mimt dabei ebenso fesselnd wie beklemmend. Shelley Duvall steht als Wendy zwischen diesen beiden und schwankt ihn ihrer Darbietung zwischen hysterisch und nervig. Inwieweit das so konzipiert war, lässt sich heute nur noch schwierig abschätzen, zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen Kubrick und Duvall lassen allerdings erahnen, dass der Regisseur mit ihren Darbietungen nicht vollends zufrieden war. Scatman Crothers schließlich trägt mit seiner ruhigen aber wissenden Darbietung maßgeblich zur düsteren Stimmung des Films bei. In der US-amerikanischen Fassung umfasst der Streifen übrigens knappe 30 Minuten mehr Spielzeit, welche sich vor allem der Charakterzeichnung widmen. Vor allem Jacks Alkoholprobleme sowie sein früherer Übergriff auf Danny werden deutlicher herausgestellt. Zum Verständnis nötig sind diese Szenen allerdings nicht und so betont Kubrick stets, dass bei Fassungen seine volle Rückendeckung genießen.

Jack: Ich fasse dich nicht an. Ich werde dir nur den Schädel zertrümmern.

Gleiches gilt wohl auch für Kameramann Garrett Brown, der über weite Strecken der Produktion die Kamera bediente. Er hatte bereits bei ROCKY (1976) und ROCKY II (1979) mit der von ihm entwickelten Steadicam gearbeitet und dieses System für SHINING noch weiter perfektioniert. Es ermöglichte Brown jene flexiblen Kamerafahrten knapp über dem Boden und eng an Wänden entlang, die so typisch für den Look des Films werden sollten. Brown folgt den Figuren, allen voran Danny, stets nur einen Meter entfernt durch die Gänge des Overlook und lässt dieses Gebäude somit quasi lebendig werden. Es ist das Hotel, des Andere, das Böse, was die Protagonisten verfolgt. Zusammen mit Kubricks gewohnt brillanter Bildkomposition entsteht so ein Design, welcher zahlreiche folgende Werke beeinflussen sollte.

Aber auch abseits der Fotografie ist das Hotel ein wundervoller Ort für den sich darbietenden Schrecken. Es ist weder verfallen noch düster, es ist vielmehr gepflegt, freundlich und großzügig beleuchtet; eine gänzlich untypische Umgebung für einen Horrorfilm. Der Schrecken entwickelt sich einmal mehr mittels der Figuren, die diese Gebäude bewohnen. Geschickt spielt Kubrick mit den verschiedenen Wahrnehmungen der Protagonisten und lässt die Zuschauenden so stets im Unklaren darüber, was nun Realität und was nun Einbildung ist – das Schlussbild treibt diese Ausrichtung dann ohne Frage auf die Spitze. Dabei irritiert vor allem Jacks geradezu erwartungsfrohe Bereitschaft, die ungewöhnlichen Geschehnisse zu akzeptieren; es wird den Betrachtern wahrlich nicht einfach gemacht, sich einen Reim auf die Beweggründe und Motivationen der Figuren zu machen.

Jack: Ich hab geträumt, ich hab euch umgebracht. Aber nicht nur das. Ich hab euch beide zerstückelt. Oh, mein Gott! Ich glaube ich verliere den Verstand!

Und trotz dieser ruhigen und für einen Horrorfilm oft atypischen Konzeption, reißt der Film seine Zuschauer in den entscheidenden Momenten doch voller Kraft und mit gekonntem Schock in seine Welt hinein. Sind es anfangs nur die beißenden Klänge, die Visionen und Vorankündigen begleiten, äußerst sich der fortschreitende Wahnsinn der Protagonisten mit zunehmender Laufzeit auch in Bild und Ton. Immer lauter und greller wird die Geräuschkulisse, immer schneller die Schnittfolge. Wenn Jack Wendy schließlich durchs Haus jagt dröhnt der Film geradezu, der Schrecken wird immer greifbarer, bis Nicholsons Gesicht schließlich im Wahnsinn erstarrt die gesamte Leinwand ausfüllt – die mit Abstand berühmteste Einstellung des Films.
Folgerichtig entwickelte sich der Streifen dann auch an den Kinokassen zu einem immensen Erfolg, der seinem Budget von knapp 20 Millionen US-Dollar Einnahmen von rund 45 Millionen gegenüberstellen konnte. Die Kritik nahm den Film ebenfalls positiv auf und machte SHINING zum Gegenstand zahlreicher – teilweise höchst spekulativer – Interpretationen. Diese sind jedoch bei näherer Betrachtung gar nicht nötig, denn Kubricks Ausflug in die Welt des Horrorfilms funktioniert am allerbesten, wenn man die Geschehnisse keiner allzu genauen Betrachtung unterzieht, sondern sie einfach in ihrer brutalen Eindringlichkeit auf sich wirken lässt.

Ein Horrorfilm, der an Eindringlichkeit nur wenige Vergleiche zu scheuen braucht. Kubrick entführt seine Zuschauer in eine Welt, in der nichts sicher oder verlässlich scheint, obwohl ihr Äußeres geradezu freundlich und einladend wirkt. Ein Klassiker!

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