DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES

Die Geisterstadt der Zombies
…E tu vivrai nel terrore! L’Aldila | Italien | 1981
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Liza Merril (Catriona MacColl) erbt ein altes Hotel irgendwo in Louisiana. Als mehrere ihrer Arbeiter bei den Umbauten am Haus verletzt werden oder auf grauenhafte Weise umkommen, wird ihr klar, dass mit dem Haus was nicht stimmt. Und obwohl ihr der Arzt Dr. McCabe (David Warbeck) beisteht, ist schon bald nicht mehr klar, was Wirklichkeit ist und was nicht.

1979 hatte Lucio Fulci seiner eigentlich schon beendeten Karriere mittels WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES noch einmal neuen Schwung verliehen. Er wurde so zum Begründer der ab 1980 völlig entfesselt auftretenden Welle von Zombiefilmen im italienischen Kino. Natürlich blieb auch Fulci selber dieser Strömung treu, hatte ihn der Erfolg seines Untoten-Epos doch vor dem finanziellen und künstlerischen Ruin gerettet. So folgte 1980 mit EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL ein weiterer vielbeachteter Vertreter dieser Gattung, der sich jedoch schon von den ursprünglichen Mechanismen des Zombiesfilms verabschiedete und stattdessen zahlreiche phantastische Elemente einführte. Wiederum ein Jahr später sollte Fulci diese Tendenz mit DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES ihrem Höhepunkt zuführen.
Es erstaunt dabei kaum, dass neben Fulci selbst, sowie Giorgio Mariuzzo – der bereits am Skript zu DAS SYNDIKAT DES GRAUENS (1980) beteiligt war – wiederum Dardano Sacchetti seine Finger im Spiel hatte. Dieser hatte neben ein paar frühen Arbeiten für Dario Argento (DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE (1970)) oder Mario Bava (IM BLUTRAUSCH DES SATANS (1971)) bereits die oben genannten Zombiefilme Fulcis geschrieben und war somit erste Wahl was die Autorenschaft anbetraf. Auch mit Sergio Salvati als Kameramann oder Vincenzo Tomassi als Cutter greift der Regista in Sachen Stab auf altbekannte Weggefährten zurück.

Blicken Sie in die toten Augen, und Sie sehen das Tor zum Jenseits! (Deutscher Werberatschlag)

Vor allem die Wahl der letzteren Beiden ist dabei ausschlaggebend für das eindrücklichste Merkmal des Film: seine Form. Ab der ersten Minute stellt der Streifen eine optische Fingerübung dar, die den Zuschauer in ihren Bann zu reißen versucht. Wundervolle Einstellungen wechseln sich mit der immer wieder variierenden Tiefschärfe ab und machen so jede einzelne Sequenz zu einem Genuss. Farbe und Schatten, Nebel und Dunkelheit, jede Einstellung ist ein Unikat, welches es zu genießen gilt. Diese handwerkliche Brillanz ist so maßgeblich für die großartige Atmosphäre des Films verantwortlich, auch wenn sie klar auf Kosten des Inhalts geht.

Denn Fulci ordnet – stärker noch als in EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL – alles den formalen Aspekten des Films unter. Immer wieder sorgt das für Logiklücken und Handlungssprünge, die sich jedoch nur bei höchst vordergründiger Betrachtung als solche erweisen. Viel mehr nimmt sich der Film die Freiheit, auf konventionelle Kausalität zu verzichten und den Einsatz seiner inhaltlichen Elemente nach Gutdünken der Inszenierung unterzuordnen. Da taucht dann das Buch Eibon auf wo es will, Tote liegen mal hier mal dort und Personen erscheinen und verschwinden. Spätestens, wenn die Treppe im Krankenhaus auf direktem Wege in den Keller des Hotels führt, sollte auch dem verblendetsten Filmpragmaten klar sein, was Fulci hier macht: Er reißt die Mauern der Realität, die im Film fallen, per Formalia auch für seinen Zuschauer ein.
So wird der Film zu einem rauschhaften Erlebnis, bei dem man weniger denkt und mehr fühlt. Es geht nicht darum, Beweg- oder Hintergründe zu entdecken, sondern sich einem Gefühl hinzugeben. Ohnehin wäre die Suche nach Sinn und Grund vergebens, verweigert sich Fulci doch ganz bewusst jeder möglichen Erklärung. So bleibt es der Interpretation des Zuschauers überlassen, was das Buch Eibon eigentlich tut oder warum die Nummer des Zimmers des Malers immer wieder derart in den Vordergrund gerückt wird. Auch die Exposition ist letztlich reiner Selbstzweck, steht sie doch in kaum einem logischen Zusammenhang mit den späteren Geschehnissen.

Dr. McCabe: Ich bin Wissenschaftler, ich glaube, dass es für alles eine Erklärung gibt … ich ruf‘ die Polizei!

Diese vollkommen auf visuelle Eindrücke abzielende Form des Films bringt dann den Umstand mit sich, dass auch die Figuren zu weitestgehend unbedeutenden Elementen innerhalb dieses Rausches werden. Das heißt nun nicht, das Catriona MacColl – Fulcis bevorzugte Hauptdarstellerin in der Zeit seiner Zombiefilme – hier nicht wiederum eine tolle Leistung als verstöre Hauptfigur gibt, aber eine enge emotionale Bindung zu diesem Charakter vermag der Zuschauer trotzdem kaum zu entwickeln. Deutlicher wird das noch bei David Warbecks Dr. McCabe, der hier als Stereotyp eines Arztes zum Heroen wird, aber trotzdem bis zu Letzt vollkommen austauschbar bleibt. Auch das liegt weniger an Warbecks durchaus limitiertem Spiel, sondern an dem blanken Desinteresse, welches das Drehbuch seinen Figuren entgegenbringt.

Das gilt insbesondere für sämtliche Charaktere außerhalb dieses zentralen Duos, welche hier ohnehin vornehmlich als Material für die unzähligen brutalen Szenen des Films dienen. Denn natürlich gehört die äußerst explizite Brutalität ohne Frage zu den Eckpfeilern des Erfolgs von Fulcis Zombiefilmen. Giannetto De Rossi und Maurizio Trani liefern hier dann wieder Beeindruckendes ab und machen den Film so zu einem weiteren, der unter Gorehounds höchstes Ansehen genießt. Immer wieder werden dabei Körper zerschmolzen oder zerrissen, es gibt einige – für Fulci schon fast prototypische – Szenen, in denen das Auge im Mittelpunkt der Gewalt steht und zahllose sonstige Grausamkeiten. Die handwerkliche Qualität dieser korrespondiert dabei wunderbar mit der optischen Brillanz des Streifens und sorgt so ebenfalls dafür, dass hier vor allem das Visuelle den Film bestimmt.

Horror-Spezialist LUCIO FULCI öffnet neue Dimensionen der Angst. (Deutscher Werberatschlag)

Übrigens beinhaltet der Film auch eine große Anzahl an Momenten und Details, die – wiederum vordergründig betrachtet – mit seiner durchweg ernsten und dunkeln Atmosphäre brechen. Wenn Warbeck eine Patrone beim Versuch Nachzuladen in den Lauf zu schieben versucht oder MacColl sich im Moment der größten Angst ein verschmitztes Lächeln erlaubt, dann könnte man das leichthin als Unachtsamkeit abtun – oder aber man sieht darin eine weitere Aufhebung von Konventionen und bekannten Mustern. Am deutlichsten wird das vielleicht an dem Schild „Do not entry“, welches im Krankenhaus vor dem Betreten der Leichenhalle warnt. Ob nun dilettantischer Patzer oder bewusste Aufhebung von Realitäten, es bleibt wohl letztlich der Interpretation des Rezipienten vorbehalten, diese Entscheidung zu treffen.
Und genau das macht die Essenz des Streifens aus. Es gibt fast nichts, was sicher oder gewiss ist, alles unterliegt der Wandelbarkeit und der Interpretation. Man kann stundenlang über die Elemente diskutieren oder sie einfach als gesetzt akzeptieren und sich von der optisch-visuellen Unfassbarkeit diesen Films mitreißen lassen. So ist er für Freunde von realistischem Zombiekino sicherlich nicht leicht zu ertragen – diese sind bei Fulcis WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES sicherlich besser aufgehoben – aber jedem, der bereit ist, sich vorbehaltlos von dieser Mischung aus perfekter Inszenierung, grandioser Atmosphäre und brachialen Gewaltdarstellung mitreißen zu lassen, kann kaum etwas besseres als DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES passieren.

Alle Konventionen und Strukturen missachtend liefert Lucio Fulci hier ein in Sachen Optik und Atmosphäre wundervolles Filmerlebnis ab. Diesen Film kann man nicht verstehen, sondern nur fühlen. Und wer das vermag, dem steht ein ebenso brutales wie großartiges Erlebnis bevor.

4 Antworten zu “DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES

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